Auner Quartett
Jenseits vom tanzenden Wien
Wiener Musikverein · Saison 2026/27

Jenseits vom tanzenden Wien


Ein Kammermusikzyklus des Auner Quartetts im Wiener Musikverein. November 2026 – Mai 2027, Gläserner Saal und Brahms-Saal.

Foto: Damián Posse
Das Programm

Die vier Konzerte im Überblick

  • I · Konzert 25. November 2026 20.00 Uhr Wiener Musikverein · Gläserner Saal

    Irene Suchy liest aus „Mein Musikleben“ von Mary Dickenson-Auner.

    • Franz Schubert — Quartettsatz c-Moll D 703
    • Mary Dickenson-Auner — Streichquartett Nr. 4
    • Pause
    • Johannes Brahms — Ungarische Tänze Nr. 5 & 6 (Fassung für Streichquartett)
    • Alexander Zemlinsky — Streichquartett Nr. 1 A-Dur op. 4
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    Der Auftakt gehört der Namensgeberin des Quartetts. Mary Dickenson-Auner, in Irland geboren und in Wien zu Hause, war Geigerin und Komponistin in einer Zeit, die Frauen im Konzertleben kaum Raum ließ. Ihr Streichquartett Nr. 4 steht an diesem Abend im Mittelpunkt, und Daniel Auner spielt es auf ihrer eigenen Violine, dem Fisselthaler-Instrument. Irene Suchy liest aus deren Lebenserinnerungen und erzählt von einer Musikerin, die lange am Rand stand und erst spät wiederentdeckt wird.

    Davor Schuberts Quartettsatz c-Moll – ein Fragment von dunkler Unruhe, das den Ton für den ganzen Zyklus setzt. Nach der Pause tanzt es dann doch: Brahms’ Ungarische Tänze führen die volksmusikalische Ader vor, aus der auch der Wiener Walzer erwuchs. Den Schluss macht der junge Zemlinsky mit seinem ersten Streichquartett – die musikalische Achse des Zyklus, hier noch am Beginn ihres Wegs.

  • II · Konzert 17. Februar 2027 20.00 Uhr Wiener Musikverein · Gläserner Saal

    Wolfgang Böck liest Gedanken zu Arthur Schnitzlers „Leutnant Gustl“, formuliert von Manfred Stimmler.

    • Anton von Webern — „Langsamer Satz“ für Streichquartett
    • Johann Strauss — Kaiserwalzer op. 437 (Fassung für Streichquartett des Auner Quartetts)
    • Alexander Zemlinsky — Streichquartett e-Moll (1893)
    • Pause
    • Alban Berg — „Lyrische Suite“ für Streichquartett
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    An diesem Abend steht der Walzer selbst auf dem Programm – der Kaiserwalzer in einer eigenen Fassung des Quartetts. Seine scheinbare Harmlosigkeit wurde später von der NS-Propaganda instrumentalisiert, die dafür sogar die Genealogie des Komponisten fälschte. Daneben Weberns „Langsamer Satz“, noch spätromantisch glühend, von einem Komponisten, der 1945 in Mittersill durch die Kugel eines amerikanischen Soldaten starb.

    Dazwischen Zemlinskys frühes e-Moll-Quartett, nach der Pause dann Bergs „Lyrische Suite“ – Zemlinsky gewidmet, mit einem geheimen Programm und den verschlüsselten Initialen einer verbotenen Liebe. Wolfgang Böck rahmt den Abend mit Gedanken über Schnitzlers „Leutnant Gustl“, formuliert von Manfred Stimmler – ein Wien der Ehrbegriffe und der bröckelnden Fassaden.

  • III · Konzert 17. März 2027 19.30 Uhr Wiener Musikverein · Brahms-Saal

    Thomas Hampson, Bariton.

    • Hugo Wolf — „Italienische Serenade“ G-Dur
    • Arnold Schönberg — Streichquartett op. posth. in D-Dur (1897)
    • Pause
    • Ein Bouquet von Liedern — Zemlinsky, Dickenson-Auner, Bürger u. a. — Fassung für Bariton und Streichquartett, arrangiert von Dima Khierbeck
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    Der Abend im Brahms-Saal führt an eine Schwelle: Schönbergs Erstlingsquartett von 1897, noch ganz tonal, entstanden mit dem Rat seines Freundes und späteren Schwagers Zemlinsky und uraufgeführt ein halbes Jahr nach dem Tod von Brahms. Davor Wolfs „Italienische Serenade“ – mediterran, heiter, eines der wenigen Instrumentalwerke des großen Liedkomponisten.

    Nach der Pause singt Thomas Hampson, Bariton, ein Bouquet von Liedern von Zemlinsky, Mary Dickenson-Auner, Julius Bürger und weiteren Komponisten, die vor dem Nationalsozialismus in die USA emigrierten – in Arrangements für Bariton und Streichquartett von Dima Khierbeck. Ein Abend über die Freundschaften und Netzwerke, aus denen die Wiener Moderne erwuchs, und über den Bruch, der sie zerstreute.

  • IV · Konzert 22. Mai 2027 20.00 Uhr Wiener Musikverein · Gläserner Saal

    Christoph Wagner-Trenkwitz erzählt über Fritz Kreislers Wien.

    • Johann Strauss — Frühlingsstimmen-Walzer op. 410 (Fassung für Streichquartett von Daniel Auner)
    • Egon Wellesz — Streichquartett Nr. 5
    • Pause
    • Alexander Zemlinsky — Zwei Sätze für Streichquartett
    • Fritz Kreisler — Streichquartett a-Moll „Bekenntnis zu Wien“
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    Zum Schluss noch einmal der Walzer – Strauss’ Frühlingsstimmen in einer Fassung von Daniel Auner – und dann der Blick aus der Ferne zurück. Wellesz floh 1938 nach England und lehrte in Oxford; sein Quartettschaffen entstand großteils im Exil. Zemlinsky starb 1942 in den USA, krank und vergessen.

    Am Ende Fritz Kreisler, der 1919 in New York sein „Bekenntnis zu Wien“ schrieb – ein spätromantisches Denkmal für die Stadt seiner Jugend, die ihn nach der Flucht vor den Nationalsozialisten nie wieder gebührend empfing. Christoph Wagner-Trenkwitz erzählt von diesem Wien, das Kreisler verlassen hat. Ein Schlussakkord aus Liebe zu Wien und Schmerz über seinen Verlust.

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Der Zyklus

Das Konzept

Wien tanzt. Seit dem 19. Jahrhundert prägt der Walzer von Johann Strauss das Bild der Stadt – populär, einflussreich und so übermächtig, dass ernste Komponistinnen und Komponisten oft nur schwer neben ihm Platz fanden. Jenseits dieses tanzenden Wien aber suchten Generationen von Tonschöpfern ihre eigenen Wege. Von ihnen erzählt dieser Zyklus.

Der Titel meint dreierlei, nicht nacheinander, sondern zugleich. Er meint zunächst jene seriöse, ringende Musik, die sich im Schatten der allgegenwärtigen Tanzkultur zu behaupten suchte – von Schubert bis Schönberg. Er meint zweitens die Zeit des Nationalsozialismus: Während die Propaganda die Menschen mit der scheinbar harmlosen Musik von Strauss von den Schrecken des Krieges ablenkte und dafür sogar die Genealogie des Komponisten fälschte, wurden die meisten der hier gespielten Komponisten vertrieben, verboten oder vergessen und bauten sich im Exil ein neues Leben auf, in den USA und in England. Und er meint drittens das Jenseits als Nachwirken: wie der Walzer selbst die ernsten Komponisten inspirierte und in ihrem Schaffen fortklingt – nicht als Gegensatz, sondern als schöpferischer Widerhall.

Im Zentrum

Zwei Achsen des Zyklus

Im Zentrum steht eine Figur, die dem Quartett besonders nah ist: Mary Dickenson-Auner (1880–1965), Geigerin, Komponistin und Namensgeberin des Ensembles, mit der Familie Auner verwandt. Mit ihr stellt der Zyklus eine vergessene Stimme neben die großen Namen, in deren Kreisen sie sich bewegte.

Die musikalische Achse aller vier Abende ist Alexander Zemlinsky: In jedem Konzert erklingt ein Werk von ihm. Als Schüler und Freund von Brahms gefördert, Lehrer und Schwager Arnold Schönbergs, Widmungsträger von Alban Bergs „Lyrischer Suite“, verbindet er alle Generationen dieses Programms. Sein Weg aus dem Wien des Fin de siècle bis ins amerikanische Exil, wo er 1942 vergessen starb, verkörpert das Schicksal einer ganzen Musikkultur.

Daniel Auner spielt in Teilen des Zyklus auf der eigenen Violine Mary Dickenson-Auners, dem sogenannten Fisselthaler-Instrument.

Franz SchubertJohannes BrahmsJohann StraussHugo WolfAlexander ZemlinskyArnold SchönbergAnton WebernAlban BergEgon WelleszFritz KreislerMary Dickenson-Auner
Mary Dickenson-Auner
Mary Dickenson-Auner. Aus einer Broschüre mit Pressestimmen, Bibliothek der mdw

Was für ein kühnes, spannendes Projekt, in dem das bekannte Auner Quartett Neues erkunden und einen großen Bogen jenseits bekannter Wiener Klischees spannen will. Und mittendrin Alexander Zemlinsky als zentrale Figur des Zyklus und der Wiener Moderne. […] Die Wiederentdeckung einer zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Komponistin und bedeutenden Persönlichkeit des Wiener Musiklebens, Mary Dickenson-Auner. Und das im Musikverein. Dem Ort, der sich von Anfang an Entdeckungen und Wiederentdeckungen wichtiger Werke zur Aufgabe gemacht hat.

Dr. Peter Marboe, Vorsitzender des Alexander Zemlinsky Fonds bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Hintergrund

Vier Themenbereiche

Der Zyklus erzählt vier miteinander verwobene Geschichten. Zu jeder finden Sie hier eine Zusammenfassung und den vollständigen Text.

Mary Dickenson-Auner (1880–1965)

Eine irische Geigerin, Komponistin und Musikpädagogin, die ihre Laufbahn in Wien führte — und die heute weithin vergessen ist. Zu ihren Lebzeiten stand sie als Solistin auf den großen Podien Europas, arbeitete mit Bartók und Schönberg und schuf ein umfangreiches kompositorisches Werk. Als Frau in einem von Männern beherrschten Musikleben musste sie zeitweise unter männlichem Pseudonym veröffentlichen; als englische Staatsbürgerin wurde sie unter dem Nationalsozialismus mit Auftritts- und Unterrichtsverbot belegt. So fügten sich Geschlecht, Staatsangehörigkeit und Zeitgeschichte zu einem dreifachen Schweigen.

Im ersten Konzert des Zyklus (25. November 2026, Gläserner Saal) spielt das Auner Quartett ihr Streichquartett Nr. 4; die Musikwissenschaftlerin und langjährige Ö1-Gestalterin Irene Suchy liest aus ihren Lebenserinnerungen „Mein Musikleben". Daniel Auner, mit ihr über die Familie verwandt, spielt dabei auf ihrer eigenen Violine. Fast alle ihre Streichquartette liegen nur handschriftlich vor und werden derzeit von Dr. Dima Khierbeck digitalisiert; das Auner Quartett plant für Herbst 2026 eine CD-Produktion mit diesen Werken. Die Koordination der Übersiedelung ihres Nachlasses an das Exilarte Zentrum der mdw übernimmt Zentrumsleiter Gerold Gruber; der Prozess ist im Gang.

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Ein Leben gegen den Widerstand

Mary Frances Dorothea Dickenson kam 1880 in Dublin zur Welt, in eine angesehene, musikalisch-wissenschaftlich geprägte Familie: Ihr Großvater Hercules MacDonnell war Mitbegründer der Royal Irish Academy of Music. Den ersten Geigenunterricht erkämpfte sie sich mit sechs Jahren — ernsthafte künstlerische Ambitionen traute man einem Mädchen damals nicht zu. Sie studierte an der Royal Academy of Music in London bei Émile Sauret und vervollkommnete ihre Technik anschließend bei Otakar Ševčík in Prag. 1905 debütierte sie unter Oskar Nedbal mit der Tschechischen Philharmonie und konzertierte danach rund ein Jahrzehnt lang als Solistin quer durch Europa.

Das Pseudonym Frank Donnell

Ihre frühen Kompositionen veröffentlichte sie unter einem männlichen Pseudonym — und gerade weil man sie für das Werk eines Mannes hielt, fanden sie Anerkennung. In ihren Erinnerungen schildert sie das offen:

Damals waren die Vorurteile gegen Kompositionen von Frauen noch viel größer als heutzutage. So versteckte ich mich hinter dem Namen Frank Donnell. Das brachte mir recht gute Kritiken, die ich sonst sicher nicht bekommen hätte. Aber später gab ich das Pseudonym auf, weil es mir feige vorkam, mich hinter den Männern zu verstecken.

Mary Dickenson-Auner, „Mein Musikleben"

Wien: Bartók, Schönberg und die Avantgarde

1909 zog sie nach Wien, 1912 heiratete sie den Gelehrten Michael Auner. Nach Jahren in Siebenbürgen und — kriegsbedingt — in den Niederlanden kehrte die Familie 1920 nach Wien zurück. Mary trat Arnold Schönbergs „Verein für musikalische Privataufführungen" bei. Ihr bedeutendster interpretatorischer Beitrag fällt in diese Zeit: 1922 spielte sie mit dem Pianisten Eduard Steuermann die österreichische Erstaufführung von Béla Bartóks Violinsonate Nr. 1. Zur Vorbereitung der Salzburger Aufführung wohnte Bartók eine Woche in ihrem Haus in Neuwaldegg — „ein feiner, stiller Mensch, der sich gern in den Garten setzte, um zu arbeiten". Jahrzehnte später erinnerte sich Paul Hindemith bei einer Wiederbegegnung sofort: „Salzburg, 1922, Geige!"

Die „Hörstunden": Musikerziehung als Lebenswerk

Ab 1925 entwickelte sie im Rahmen der Wiener Schulreform ein eigenes musikpädagogisches Konzept: die „Hörstunden", in denen Kindern in kurzen, erklärten Konzerten Haydn, Mozart, Schubert und Beethoven nahegebracht wurden. Auf ehrenamtlicher Basis baute sie das Projekt bis 1938 auf rund 17 Wiener Schulen aus. Auf die Frage eines Beamten, was sie selbst davon habe, antwortete sie schlicht: „Ich habe die Freude der Kinder."

1938: das erzwungene Schweigen

Im März 1938 änderte sich das Leben der englischen Staatsbürgerin grundlegend. Sie schildert das Ende ihrer Schularbeit nüchtern:

Ein mir nicht gut gesinnter Lehrer verklagte mich bei der obersten Behörde, dass ich in die Schule beim Eintritt nicht mit „Heil Hitler" grüßte. Es wurde mir nahegelegt, mich entweder dem Gebrauch anzupassen oder mich zurückzuziehen. Als Engländerin zog ich das Letztere vor.

Mary Dickenson-Auner, „Mein Musikleben"

Als Ausländerin wurde ihr das öffentliche Auftreten untersagt; selbst Privatstunden durfte sie nicht mehr geben. Mit einem Schlag verlor sie jeden Wirkungskreis.

Aus der Stille ein Werk

Was als Verlust begann, wendete sie in den schöpferischsten Abschnitt ihres Lebens. Mit fast sechzig Jahren, allen öffentlichen Wirkungskreises beraubt, begann sie ernsthaft zu komponieren — die lange zurückgedämmten Töne brachen, wie sie selbst schrieb, „wie eine Flutwelle" hervor. In rund zwei Jahrzehnten entstand ein umfangreiches Werk aus Symphonien, Opern, Oratorien, Liedern und Kammermusik. Statt der „alten Dreiklang-Musik" verwendete sie systematisch Vier-, Fünf- und Sechsklänge, schrieb betont polyphon und kehrte zugleich zu den irischen Volksweisen ihrer Kindheit zurück; diese Verbindung nannte sie selbst „keltischen Impressionismus". Sie starb 1965 in Wien.

Wiederentdeckung heute

Fast alle Streichquartette der Komponistin liegen nur in Handschrift vor und werden derzeit von Dr. Dima Khierbeck digitalisiert, damit sie überhaupt gespielt werden können. Das Auner Quartett plant für Herbst 2026 eine CD-Produktion mit diesen Werken. An der Royal Academy of Music in London arbeitet die Geigerin Erin Hennessey an einer Dissertation über ihre Kammermusik. Die Koordination der Übersiedelung ihres Nachlasses an das Exilarte Zentrum der mdw übernimmt Gerold Gruber.

Das Thema durch den ganzen Zyklus

Die Wiederentdeckung verdrängter und vergessener Stimmen zieht sich durch alle vier Abende. Im ersten Konzert (25. November 2026) steht Dickenson-Auners Streichquartett Nr. 4 neben Schubert, Brahms und Zemlinsky. Im zweiten (17. Februar 2027) treffen Weberns Langsamer Satz und Bergs „Lyrische Suite" auf den Kaiserwalzer — die Moderne neben der Tanzkultur. Das dritte Konzert (17. März 2027) mit Thomas Hampson versammelt unter dem Titel „Bouquet von Liedern" Werke von Zemlinsky, Mary Dickenson-Auner und weiteren, oft ins Exil getriebenen Komponisten. Das vierte (22. Mai 2027) schließt mit Fritz Kreislers „Bekenntnis zu Wien". So ist Mary Dickenson-Auner nicht nur Programmpunkt eines Abends, sondern die dramaturgische Mitte des gesamten Zyklus.

Verbotene Musik im Nationalsozialismus

Der Zyklus „Jenseits vom tanzenden Wien" stellt auch Komponisten in den Vordergrund, deren Werk während des NS-Regimes verdrängt, verboten oder ins Exil getrieben wurde. Während die nationalsozialistische Propaganda die Musik von Johann Strauss als „deutsche", volksnahe Unterhaltung einsetzte — bis hin zum ersten, 1939 begonnenen Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker —, mussten die meisten der hier gespielten Komponisten um ihre Existenz ringen: Zemlinsky, Schönberg und Kreisler flohen in die USA, Wellesz nach England; Webern blieb, geächtet als „Kulturbolschewist", in innerer Emigration und kam 1945 gewaltsam ums Leben. Mary Dickenson-Auner erhielt als Britin Auftrittsverbot.

Das zweite Konzert (17. Februar 2027, Gläserner Saal) stellt zwei Welten nebeneinander: das alte, tanzende Wien und die Musik, die sich davon zu lösen suchte. Wolfgang Böck, einer der markantesten Charakterdarsteller Österreichs, liest Gedanken zu Arthur Schnitzlers „Leutnant Gustl", formuliert von Manfred Stimmler. Den musikalischen Schlusspunkt setzt Alban Bergs „Lyrische Suite" — ein Werk, das Zemlinsky gewidmet ist und ein geheimes Programm birgt.

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Das Wien der Vertriebenen

Ab 1933 in Deutschland und ab 1938 in Österreich verfolgte das NS-Regime Musikerinnen und Musiker aus rassistischen und politischen Gründen. Werke jüdischer Komponisten und der Moderne wurden als „entartet" diffamiert und aus dem Konzertbetrieb entfernt. Der „Anschluss" 1938 bedeutete für Wien einen tiefen Einschnitt in ein zuvor international führendes Musikleben; die Vertreibung riss künstlerische Netzwerke auseinander, die sich über Jahrzehnte gebildet hatten — von der Zweiten Wiener Schule bis zu den kammermusikalischen Zirkeln.

Die verfemten Komponisten durch den ganzen Zyklus

Das Thema verteilt sich über alle vier Abende. Anton von Webern — 1945 in Mittersill durch die Kugel eines amerikanischen Soldaten ums Leben gekommen — eröffnet mit seinem Langsamen Satz das zweite Konzert. Alban Berg verkörpert dort mit der „Lyrischen Suite" die Moderne. Arnold Schönberg ist im dritten Konzert mit seinem frühen Streichquartett vertreten, Egon Wellesz — 1938 nach England geflohen — und Fritz Kreisler — 1939 in die USA emigriert — im vierten. Alexander Zemlinsky, 1938 vertrieben und 1942 im Exil gestorben, ist als Achse des Zyklus in jedem Konzert präsent. Mary Dickenson-Auner, als Britin mit Auftrittsverbot belegt, eröffnet den Zyklus im ersten Konzert.

Der Kaiserwalzer — und seine Vereinnahmung

In der Mitte steht der Kaiserwalzer von Johann Strauss, in der Fassung des Quartetts: das tanzende Wien im Original. Seine scheinbare Harmlosigkeit wurde später von der NS-Propaganda instrumentalisiert, die die Menschen mit Strauss von den Schrecken des Krieges ablenkte — und für die sie eigens die Genealogie des Komponisten fälschte. Genau dieser Kontrast — die vereinnahmte Unterhaltungsmusik neben der verdrängten Moderne — ist das Thema des Abends.

Bergs „Lyrische Suite" — ein geheimes Programm

Bergs Meisterwerk von 1925/26 ist offiziell Alexander Zemlinsky gewidmet und zitiert aus dessen „Lyrischer Symphonie". Zugleich birgt es ein geheimes Programm und die verschlüsselten Initialen einer verbotenen Liebe. Zwölftontechnik und glühende Expressivität verschmelzen zu einem der eindringlichsten Quartette der Moderne. Das Auner Quartett hat dieses Werk mit Günter Pichler, dem Primarius des Alban Berg Quartetts, erarbeitet — als eines der letzten Ensembles, mit denen Pichler vor seinem Tod im Frühjahr 2026 an der „Lyrischen Suite" arbeitete und ihm die verborgene Symbolik erschloss.

Schnitzlers „Leutnant Gustl" Arthur Schnitzlers innerer Monolog „Leutnant Gustl" — der erste innere Monolog der deutschsprachigen Literatur — seziert die Ehrbegriffe des alten Wien. Als ironischer Blick auf jene Gesellschaft, deren Fassade der Zyklus hinterfragt, bildet er den literarischen Rahmen des Abends.

exil.arte als fachlicher Bezugspunkt Das Exilarte Zentrum der mdw sammelt, erforscht und präsentiert die Nachlässe von Komponistinnen und Komponisten, deren Schaffen im Nationalsozialismus verboten war. 2026 begeht das Zentrum sein Doppeljubiläum, begleitet von einer Medienpartnerschaft mit ORF Radio Ö1.

Der Alexander-Zemlinsky-Fonds

Alexander Zemlinsky (1871–1942) ist die musikalische Achse des Zyklus — in jedem der vier Konzerte erklingt ein Werk von ihm. Der nach ihm benannte Alexander-Zemlinsky-Fonds bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien fördert den Zyklus finanziell. Zemlinsky war Lehrer, Freund und — durch Schönbergs Heirat mit seiner Schwester Mathilde 1901 — Schwager Arnold Schönbergs; gemeinsam gründeten sie 1904 die Vereinigung schaffender Tonkünstler. 1938 zur Flucht gezwungen, starb er 1942 im amerikanischen Exil, fast vergessen.

Im dritten Konzert (17. März 2027, Brahms-Saal) steht Thomas Hampson, Bariton, im Zentrum: Einer der bedeutendsten Liedsänger unserer Zeit widmet sich einem Bouquet von Liedern aus der Zeit von Zemlinsky bis Mary Dickenson-Auner und Julius Bürger — Exilkomponisten, die in die USA auswanderten. Ein Statement des Fondsvorsitzenden Peter Marboe findet sich im Anschluss.

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Alexander Zemlinsky — Achse des Zyklus

Alexander Zemlinsky, 1871 in Wien geboren, war Komponist, Dirigent und Pädagoge — eine Schlüsselfigur des Übergangs von der Spätromantik zur Moderne. Als Dirigent des Amateurorchesters „Polyhymnia" lernte er um 1895 den jungen Arnold Schönberg kennen, dem er als einziger je förmlichen Kompositionsunterricht erteilte. 1901 heiratete Schönberg Zemlinskys Schwester Mathilde — Zemlinsky wurde damit sein Schwager. 1904 gründeten beide die „Vereinigung schaffender Tonkünstler" mit Gustav Mahler als Ehrenpräsident. Auch Alban Berg und Anton Webern zählten zu seinem Umkreis; Berg widmete ihm die „Lyrische Suite".

Nach Stationen an der Volksoper Wien, in Prag und Berlin floh Zemlinsky 1933 vor dem NS-Regime nach Wien und 1938 in die USA. Dort blieb er, anders als der gefeierte Schönberg, weitgehend unbeachtet; nach mehreren Schlaganfällen verstummte sein Schaffen. Er starb 1942 im amerikanischen Exil — seine Wiederentdeckung begann erst in den 1970er-Jahren. Dieses Schicksal des Verstummens und der späten Wiederkehr grundiert den ganzen Zyklus.

Der Fonds: Gründung, Zweck, Gremium

Der Alexander-Zemlinsky-Fonds bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien wurde 1989 von Louise Zemlinsky, der Witwe des Komponisten, gestiftet; nach ihrem Tod 1992 fielen sämtliche Werkrechte an den Fonds. Zweck ist die Förderung und Verbreitung von Zemlinskys Werk, die Unterstützung der Forschung und die quellenkritische Edition. Den Vorsitz des Komitees führt Dr. Peter Marboe, ehemaliger Wiener Kulturstadtrat und Intendant des Mozartjahres 2006. Seit 1996 vergibt der Fonds den Alexander-Zemlinsky-Preis.

Zemlinsky in jedem Konzert

Dem Komponisten ist an jedem Abend ein Werk gewidmet: das Streichquartett Nr. 1 A-Dur op. 4 (25. November), das frühe Streichquartett e-Moll von 1893 (17. Februar), ein Bouquet von Liedern mit Thomas Hampson (17. März) sowie Zwei Sätze für Streichquartett (22. Mai). Das Auner Quartett wurde 2022 für die CD „Versinkende Sonne" (Zemlinsky, Wellesz, Webern, Kreisler) als Ö1-CD des Jahres ausgezeichnet.

Das dritte Konzert: Wolf, Schönberg, Hampson

Der Abend im Brahms-Saal beginnt mit Hugo Wolfs heiterem Rondo „Italienische Serenade" und Arnold Schönbergs jugendlichem Streichquartett op. posth. D-Dur von 1897 — noch ganz unter dem Eindruck von Brahms und Dvořák und mit dem Rat des Freundes und späteren Schwagers Zemlinsky entstanden. Im Zentrum steht dann der Liedgesang von Thomas Hampson: Werke Zemlinskys neben jenen von Mary Dickenson-Auner, Julius Bürger und weiteren Komponisten, die vor dem Nationalsozialismus in die USA emigrierten — der Abend wird so zur Hommage an eine vertriebene Musikkultur.

Statement von Peter Marboe

Peter Marboe ist Vorsitzender des Alexander Zemlinsky Fonds bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Der frühere Wiener Kulturstadtrat und Intendant des Mozartjahres 2006 äußert sich zum Zyklus wie folgt:

Was für ein kühnes, spannendes Projekt, in dem das bekannte Auner Quartett – wieder einmal – Neues erkunden und einen großen Bogen jenseits bekannter Wiener Klischees spannen will. Von Schubert, Brahms, Johann Strauss und Hugo Wolf über Webern, Berg und Schönberg bis zu Egon Wellesz und Fritz Kreisler. Und mittendrin Alexander Zemlinsky als zentrale Figur des Zyklus und der Wiener Moderne. Dazu fast möchte man sagen, mit seiner Hilfe – war Zemlinsky nach dem Krieg doch selbst ein viele Jahrzehnte Vergessener – die Wiederentdeckung einer zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Komponistin und bedeutenden Persönlichkeit des Wiener Musiklebens, Mary Dickenson-Auner. Und das im Musikverein. Dem Ort, der sich von Anfang an Entdeckungen und Wiederentdeckungen

wichtiger Werke zur Aufgabe gemacht hat. Bleibt nur, viel Erfolg zu wünschen, und zu

hoffen, dass das junge, so engagierte Ensemble auf seiner Entdeckungsreise „Jenseits vom tanzenden Wien" von einem möglichst großen und interessierten Publikum begleitet wird. — Peter Marboe, Vorsitzender des Alexander Zemlinsky Fonds bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Die Violine Mary Dickenson-Auners

Daniel Auner spielt im Zyklus auf der Violine aus dem Besitz Mary Dickenson-Auners, dem sogenannten Fisselthaler-Instrument. Äußerlich ist es eine deutsche Manufakturgeige mit einem Materialwert von weniger als hundert Euro — der Klang aber entspricht weit teureren Instrumenten, und niemand kann bis heute erklären, warum. Der Geigenbauer Hermann Löschberger, der die Geige restaurierte, fand keine sichtbaren Eingriffe. Der Name geht auf Karl Fisselthaler zurück, den die Komponistin in ihren Erinnerungen als geheimnisvollen „Klangveredler" beschreibt; extern ist er nicht nachweisbar.

Das vierte Konzert (22. Mai 2027, Gläserner Saal) konzentriert sich auf Fritz Kreisler und dessen Streichquartett „Bekenntnis zu Wien"; der Dramaturg und Moderator Christoph Wagner-Trenkwitz erzählt vom Wien, das Kreisler verließ.

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Ein Klang, den niemand erklären kann

Äußerlich ist das Instrument unscheinbar: eine deutsche Manufakturgeige, eine von tausenden, mit einem Materialwert von weniger als hundert Euro. Der Klang aber steht dazu in scharfem Widerspruch — er entspricht weit teureren Instrumenten. Restauriert wurde die Geige vom Geigenbauer Hermann Löschberger; bei Thomastik-Infeld wurden eigens Saiten für sie ausgewählt. Löschberger fand bei der Restaurierung keine sichtbaren Eingriffe — keine Rillen im Holz, keinen Glasstaub, unauffällige Deckenstärken. Woher der Klang stammt, lässt sich mit heutigem Verständnis nicht erklären.

Karl Fisselthaler, der Klangveredler

Der Name des Instruments geht auf Karl Fisselthaler zurück, den Mary Dickenson-Auner nach ihrer Rückkehr nach Wien kennenlernte und als „eigenartigen und interessanten Menschen" beschreibt. Schon ihre erste Charakterisierung ist aufschlussreich:

Man konnte ihn nicht einen Geigenbauer nennen, denn er baute die Geige nicht selbst, sondern ließ sie nach seinen Angaben bauen oder kaufte ganz billige Geigen, die er dann zum Klingen brachte — und zwar war sein Bestreben, dass sie ebenso gut klingen sollten wie die beste Stradivari-Geige.

Mary Dickenson-Auner, „Mein Musikleben"

Was er mit den Geigen machte, hielt er streng geheim; das Verfahren ging mit seinem Tod verloren. Über die Geige, die sie schließlich behielt, schreibt sie:

… bis er mir einmal eine so schöne, wohlklingende Geige brachte, die ich behalten durfte und auf der ich dann immer öffentlich spielte. Ich behauptete, dass sie von selbst spielte, so leicht sprach sie an, und so leicht spielte sie sich.

Mary Dickenson-Auner, „Mein Musikleben"

Extern ist Fisselthaler bislang nicht nachweisbar: Sein Name erscheint weder in den einschlägigen Geigenbau-Verzeichnissen noch in der Forschung über die Komponistin. Sein Wirken ist allein durch ihre Erinnerungen überliefert.

Ein Sackerl vom Spar

Zur Geschichte des Instruments gehört eine Anekdote: Bei der ersten Aufführung von Mary Dickenson-Auners Streichquartett Nr. 3 brachte Daniel Auners Onkel, Andreas Auner, die Violine in einem Sackerl der Supermarktkette Spar zum Konzert — sie war zu diesem Zeitpunkt völlig kaputt. Für die Familie war das eine große Enttäuschung: Die Komponistin hatte das Instrument stets für fantastisch gehalten, während die Geigenbauer ihm nur einen geringen Wert zusprachen. Erst die Restaurierung durch Hermann Löschberger machte die Geige wieder spielbar — und offenbarte erneut jenen Klang, der zu ihrem Materialwert in keinem Verhältnis steht.

Fritz Kreisler und das „Bekenntnis zu Wien" Das vierte Konzert widmet sich Fritz Kreisler. Sein 1919 im New Yorker Exil entstandenes Streichquartett a-Moll trägt den Beinamen „Bekenntnis zu Wien" — ein spätromantisches Meisterstück, in dem der Exilant der Stadt seiner Jugend ein klingendes Denkmal setzt. In seiner Wohnung in den USA hing die österreichische Staatsbürgerschaftsurkunde gerahmt an der Wand; im Ersten Weltkrieg hatte er sich freiwillig gemeldet. Daniel Auner hat zahlreiche Werke Kreislers eingespielt und war an der Organisation des jüngsten Fritz-Kreisler-Wettbewerbs in Wien beteiligt.

Ein Instrument durch den ganzen Zyklus

Die Fisselthaler-Violine ist nicht auf einen Abend beschränkt: Daniel Auner spielt sie über den gesamten Zyklus hinweg — vom Streichquartett Nr. 4 der Komponistin im ersten Konzert über die Werke Zemlinskys, Weberns und Bergs bis zu Kreislers „Bekenntnis zu Wien" im Finale. So verbindet das Instrument die vier Abende und stellt eine unmittelbare, klingende Verbindung zwischen der Komponistin und dem heutigen Ensemble her.

Zu Gast im Zyklus

Die Gäste des Zyklus

Irene Suchy
Lesung · Musikwissenschaftlerin

Irene Suchy

Irene Suchy (geb. 1960 in Wien), Dr. phil., ist Musikwissenschaftlerin, Publizistin und Ausstellungsmacherin. Seit 1989 gestaltet und moderiert sie beim ORF-Sender Ö1 Musiksendungen, unter anderem „Zeitton“ und „Pasticcio“. Sie lehrte an mehreren Universitäten und veröffentlichte Bücher zu Paul Wittgenstein, Otto M. Zykan und Friedrich Gulda sowie zur NS-Musikexilgeschichte.

Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist das weibliche Musikschaffen: Mit dem Projekt „MusicaFemina“ machte sie die Musik von Komponistinnen quer durch die Geschichte sichtbar. Für ihr Wirken erhielt sie unter anderem das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich und den Dr.-Karl-Renner-Preis.

© Andreas Schlager

Wolfgang Böck
Lesung · Kammerschauspieler

Wolfgang Böck

Wolfgang Böck (geb. 1953 in Linz) ist einer der markantesten Schauspieler Österreichs. Nach seiner Ausbildung in Graz spielte er an Bühnen in Bregenz, Linz, Wien, Zürich und Berlin. Einem breiten Publikum wurde er durch Fernsehrollen bekannt, insbesondere als „Trautmann“ und im „Kaisermühlen-Blues“; für sein Schaffen erhielt er mehrfach die Romy. Als Intendant leitete er die Schlossspiele Kobersdorf.

Im zweiten Konzert liest er Gedanken über Arthur Schnitzlers „Leutnant Gustl“, formuliert von Manfred Stimmler.

© Wolfgang Voglhuber

Thomas Hampson
Bariton

Thomas Hampson

Thomas Hampson (geb. 1955 in Elkhart, Indiana, aufgewachsen in Spokane) zählt zu den bedeutendsten Baritonen unserer Zeit. Er studierte unter anderem bei Elisabeth Schwarzkopf und Horst Günter und sang an allen großen Opernhäusern der Welt über achtzig Rollen; seine Diskografie umfasst mehr als 170 Alben, und er wurde in die Gramophone Hall of Fame aufgenommen.

Besondere Anerkennung genießt er als Liedinterpret von Schubert, Schumann, Wolf und Mahler – als „ambassador of song“. Im dritten Konzert singt er ein Bouquet von Liedern von Zemlinsky, Mary Dickenson-Auner und weiteren im Exil verstreuten Komponisten, in Arrangements für Bariton und Streichquartett.

© Chris Singer

Christoph Wagner-Trenkwitz
Moderation · Dramaturg

Christoph Wagner-Trenkwitz

Christoph Wagner-Trenkwitz (geb. 1962 in Wien) ist Musikwissenschaftler, Dramaturg, Autor und Moderator. Er war Chefdramaturg der Wiener Staatsoper (1996–2001) und der Volksoper Wien (2003–2022) und ist dem Publikum als langjähriger Kommentator des Wiener Opernballs und als Ö1-Moderator vertraut.

Als Schüler Marcel Prawys steht er in der Tradition der großen Wiener Opernvermittler. Er beschließt den Zyklus mit einem Porträt jenes Wien, das Fritz Kreisler verlassen musste.

© Ferdinand Neumüller

Die Komponisten des Zyklus

Mary Dickenson-Auner (1880–1965)

Mary Frances Dorothea Dickenson-Auner wurde am 24. Oktober 1880 in Dublin geboren. Sie studierte an der Royal Academy of Music in London bei Émile Sauret und anschließend bei Otakar Ševčík in Prag. 1905 debütierte sie mit der Tschechischen Philharmonie unter Oskar Nedbal und konzertierte rund ein Jahrzehnt lang als Solistin in ganz Europa. Ihre frühen Werke veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Frank Donnell.

1909 ließ sie sich in Wien nieder, 1912 heiratete sie Michael Auner. 1922 spielte sie mit dem Pianisten Eduard Steuermann die österreichische Erstaufführung von Béla Bartóks Erster Violinsonate im Wiener Konzerthaus. Ab 1927 entwickelte sie mit den „Hörstunden“ ein eigenes musikpädagogisches Konzept für Wiener Volksschulen.

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1938 verlor sie als britische Staatsbürgerin die Lehrbefugnis; im Krieg bestand ein Auftrittsverbot. In der inneren Emigration schuf sie ein umfangreiches Spätwerk. Sie starb 1965 in Wien. Fast alle ihre Streichquartette liegen nur in Handschrift vor und werden derzeit von Dr. Dima Khierbeck digitalisiert.

Alexander Zemlinsky (1871–1942)

Alexander Zemlinsky ist die musikalische Achse des Zyklus – in jedem der vier Konzerte erklingt ein Werk von ihm. Als Schüler und Freund von Brahms gefördert, verband er spätromantische Tradition und Moderne wie kaum ein anderer. Er unterrichtete den jungen Arnold Schönberg und führte ihn in die Wiener Musikkreise ein; 1901 heiratete Schönberg Zemlinskys Schwester Mathilde.

1904 gründeten Zemlinsky und Schönberg die „Vereinigung schaffender Tonkünstler“ zur Förderung zeitgenössischer Musik, mit Gustav Mahler als Ehrenpräsident. Alban Berg widmete ihm seine „Lyrische Suite“.

Nach Stationen in Prag und Berlin floh Zemlinsky 1933 vor dem NS-Regime nach Wien und 1938 in die USA. Dort blieb er, anders als der gefeierte Schönberg, weitgehend unbeachtet. Er starb 1942 im amerikanischen Exil, fast vergessen.

Franz Schubert (1797–1828)

Schubert steht für das klassische Wiener Erbe, aus dem heraus sich die spätere Musik der Stadt entwickelte. Sein Quartettsatz c-Moll D 703 von 1820 blieb Fragment – ein einzelner vollendeter Satz von drängender, dunkler Unruhe, dem nur der Beginn eines zweiten folgte. Gerade diese Unabgeschlossenheit macht ihn zum passenden Auftakt: eine Musik, die ins Offene weist. Schuberts tiefe Verbindung zu Lied und Tanz gehört zu den Wurzeln, aus denen später auch der Wiener Walzer erwuchs.

Johannes Brahms (1833–1897)

Brahms, der Wahl-Wiener aus Hamburg, verkörpert die Verbindung von klassischer Strenge und volksmusikalischer Wärme. Seine Ungarischen Tänze – hier Nr. 5 und 6 in einer Fassung für Streichquartett – waren zu Lebzeiten ein durchschlagender Publikumserfolg und zeigen jene tänzerische, folkloristische Ader, die auch das tanzende Wien prägte. Zugleich war Brahms der große Förderer Zemlinskys und damit persönlich mit dem Zentrum des Zyklus verbunden.

Anton von Webern (1883–1945)

Weberns „Langsamer Satz“ von 1905 entstand noch vor seiner Wende zur Zwölftonmusik – ein spätromantisch glühendes Werk voll Innigkeit, das kaum ahnen lässt, wie radikal knapp seine spätere Sprache werden sollte. Webern, Schüler Schönbergs und Weggefährte Bergs, gehörte zum engsten Kreis der Wiener Moderne. Sein Ende war tragisch: Am 15. September 1945, wenige Monate nach Kriegsende, wurde er in Mittersill versehentlich von einem amerikanischen Soldaten erschossen.

Johann Strauss (Sohn) (1825–1899)

Der „Walzerkönig“ ist der Gegenpol, an dem sich der ganze Zyklus abarbeitet – und zugleich die Inspirationsquelle, deren Nachhall in der ernsten Musik fortklingt. Seine Walzer prägten das Bild Wiens wie keine andere Musik. Der Kaiserwalzer op. 437 und der Frühlingsstimmen-Walzer op. 410 erklingen im Zyklus in eigenen Streichquartett-Fassungen. Die scheinbare Harmlosigkeit dieser Musik wurde in der NS-Zeit von der Propaganda instrumentalisiert; um Strauss ungestört vereinnahmen zu können, fälschte das Regime sogar seine als teilweise jüdisch geltende Genealogie.

Alban Berg (1885–1935)

Berg, Schüler Schönbergs und einer der drei Meister der Zweiten Wiener Schule, verband die neue Zwölftontechnik mit einer nie versiegenden Ausdruckskraft. Seine „Lyrische Suite“ (1925/26) ist Alexander Zemlinsky gewidmet und trägt ein geheimes Programm: verschlüsselt in Tönen und Zahlen die Initialen einer verbotenen Liebe zu Hanna Fuchs-Robettin. Berg starb 1935 in Wien an einer Blutvergiftung, noch vor der Katastrophe, die seine Weggefährten in die Emigration trieb.

Hugo Wolf (1860–1903)

Wolf gilt als einer der größten Liedkomponisten überhaupt – umso ungewöhnlicher ist seine „Italienische Serenade“ von 1887, eines seiner wenigen rein instrumentalen Werke. Mediterran, heiter und pointiert, steht sie für die andere, unbeschwerte Seite eines von Krankheit und Selbstzweifeln gezeichneten Lebens. Wolf verkörpert im Zyklus die Generation vor der Wiener Moderne, deren Liedkunst für Komponisten wie Zemlinsky und Schönberg zum Ausgangspunkt wurde.

Arnold Schönberg (1874–1951)

Schönbergs Streichquartett D-Dur von 1897 ist ein Erstlingswerk – noch ganz in der Tradition von Brahms und Dvořák, tonal und melodienselig, entstanden mit dem Rat seines Freundes und späteren Schwagers Zemlinsky. Es wurde ein halbes Jahr nach dem Tod von Brahms uraufgeführt und lässt den späteren Revolutionär der Zwölftonmusik kaum ahnen. Schönberg emigrierte 1933 in die USA und lehrte in Los Angeles, wo er 1951 starb.

Egon Wellesz (1885–1974)

Wellesz war Schüler Schönbergs, Komponist und zugleich einer der bedeutendsten Byzantinisten seiner Zeit. Als Jude floh er 1938 nach England und wurde Fellow am Lincoln College in Oxford, wo er den Großteil seines umfangreichen Quartettschaffens vollendete. Sein Weg steht für die englische Variante des Exils. Wellesz kehrte nach dem Krieg nicht dauerhaft nach Wien zurück; er starb 1974 in Oxford. Das Auner Quartett hat sein Streichquartett Nr. 5 bereits auf der preisgekrönten CD „Versinkende Sonne“ eingespielt.

Fritz Kreisler (1875–1962)

Der in Wien geborene Kreisler war einer der berühmtesten Geiger der Geschichte und ein Komponist von unverwechselbarem Charme. 1919 schrieb er in New York sein Streichquartett a-Moll, das er ausdrücklich als „Bekenntnis zu Wien“ verstand – ein spätromantisches Denkmal für die Stadt seiner Jugend. Nach dem „Anschluss“ 1938 floh der jüdischstämmige Kreisler endgültig; er nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an, hängte aber die eingerahmte österreichische Urkunde in seiner Wohnung an die Wand. Er starb 1962 in New York.