Mary Dickenson-Auner (1880–1965)
Eine irische Geigerin, Komponistin und Musikpädagogin, die ihre Laufbahn in Wien führte — und die heute weithin vergessen ist. Zu ihren Lebzeiten stand sie als Solistin auf den großen Podien Europas, arbeitete mit Bartók und Schönberg und schuf ein umfangreiches kompositorisches Werk. Als Frau in einem von Männern beherrschten Musikleben musste sie zeitweise unter männlichem Pseudonym veröffentlichen; als englische Staatsbürgerin wurde sie unter dem Nationalsozialismus mit Auftritts- und Unterrichtsverbot belegt. So fügten sich Geschlecht, Staatsangehörigkeit und Zeitgeschichte zu einem dreifachen Schweigen.
Im ersten Konzert des Zyklus (25. November 2026, Gläserner Saal) spielt das Auner Quartett ihr Streichquartett Nr. 4; die Musikwissenschaftlerin und langjährige Ö1-Gestalterin Irene Suchy liest aus ihren Lebenserinnerungen „Mein Musikleben". Daniel Auner, mit ihr über die Familie verwandt, spielt dabei auf ihrer eigenen Violine. Fast alle ihre Streichquartette liegen nur handschriftlich vor und werden derzeit von Dr. Dima Khierbeck digitalisiert; das Auner Quartett plant für Herbst 2026 eine CD-Produktion mit diesen Werken. Die Koordination der Übersiedelung ihres Nachlasses an das Exilarte Zentrum der mdw übernimmt Zentrumsleiter Gerold Gruber; der Prozess ist im Gang.
Ganzen Text lesenWeniger
Ein Leben gegen den Widerstand
Mary Frances Dorothea Dickenson kam 1880 in Dublin zur Welt, in eine angesehene, musikalisch-wissenschaftlich geprägte Familie: Ihr Großvater Hercules MacDonnell war Mitbegründer der Royal Irish Academy of Music. Den ersten Geigenunterricht erkämpfte sie sich mit sechs Jahren — ernsthafte künstlerische Ambitionen traute man einem Mädchen damals nicht zu. Sie studierte an der Royal Academy of Music in London bei Émile Sauret und vervollkommnete ihre Technik anschließend bei Otakar Ševčík in Prag. 1905 debütierte sie unter Oskar Nedbal mit der Tschechischen Philharmonie und konzertierte danach rund ein Jahrzehnt lang als Solistin quer durch Europa.
Das Pseudonym Frank Donnell
Ihre frühen Kompositionen veröffentlichte sie unter einem männlichen Pseudonym — und gerade weil man sie für das Werk eines Mannes hielt, fanden sie Anerkennung. In ihren Erinnerungen schildert sie das offen:
Damals waren die Vorurteile gegen Kompositionen von Frauen noch viel größer als heutzutage. So versteckte ich mich hinter dem Namen Frank Donnell. Das brachte mir recht gute Kritiken, die ich sonst sicher nicht bekommen hätte. Aber später gab ich das Pseudonym auf, weil es mir feige vorkam, mich hinter den Männern zu verstecken.
Mary Dickenson-Auner, „Mein Musikleben"
Wien: Bartók, Schönberg und die Avantgarde
1909 zog sie nach Wien, 1912 heiratete sie den Gelehrten Michael Auner. Nach Jahren in Siebenbürgen und — kriegsbedingt — in den Niederlanden kehrte die Familie 1920 nach Wien zurück. Mary trat Arnold Schönbergs „Verein für musikalische Privataufführungen" bei. Ihr bedeutendster interpretatorischer Beitrag fällt in diese Zeit: 1922 spielte sie mit dem Pianisten Eduard Steuermann die österreichische Erstaufführung von Béla Bartóks Violinsonate Nr. 1. Zur Vorbereitung der Salzburger Aufführung wohnte Bartók eine Woche in ihrem Haus in Neuwaldegg — „ein feiner, stiller Mensch, der sich gern in den Garten setzte, um zu arbeiten". Jahrzehnte später erinnerte sich Paul Hindemith bei einer Wiederbegegnung sofort: „Salzburg, 1922, Geige!"
Die „Hörstunden": Musikerziehung als Lebenswerk
Ab 1925 entwickelte sie im Rahmen der Wiener Schulreform ein eigenes musikpädagogisches Konzept: die „Hörstunden", in denen Kindern in kurzen, erklärten Konzerten Haydn, Mozart, Schubert und Beethoven nahegebracht wurden. Auf ehrenamtlicher Basis baute sie das Projekt bis 1938 auf rund 17 Wiener Schulen aus. Auf die Frage eines Beamten, was sie selbst davon habe, antwortete sie schlicht: „Ich habe die Freude der Kinder."
1938: das erzwungene Schweigen
Im März 1938 änderte sich das Leben der englischen Staatsbürgerin grundlegend. Sie schildert das Ende ihrer Schularbeit nüchtern:
Ein mir nicht gut gesinnter Lehrer verklagte mich bei der obersten Behörde, dass ich in die Schule beim Eintritt nicht mit „Heil Hitler" grüßte. Es wurde mir nahegelegt, mich entweder dem Gebrauch anzupassen oder mich zurückzuziehen. Als Engländerin zog ich das Letztere vor.
Mary Dickenson-Auner, „Mein Musikleben"
Als Ausländerin wurde ihr das öffentliche Auftreten untersagt; selbst Privatstunden durfte sie nicht mehr geben. Mit einem Schlag verlor sie jeden Wirkungskreis.
Aus der Stille ein Werk
Was als Verlust begann, wendete sie in den schöpferischsten Abschnitt ihres Lebens. Mit fast sechzig Jahren, allen öffentlichen Wirkungskreises beraubt, begann sie ernsthaft zu komponieren — die lange zurückgedämmten Töne brachen, wie sie selbst schrieb, „wie eine Flutwelle" hervor. In rund zwei Jahrzehnten entstand ein umfangreiches Werk aus Symphonien, Opern, Oratorien, Liedern und Kammermusik. Statt der „alten Dreiklang-Musik" verwendete sie systematisch Vier-, Fünf- und Sechsklänge, schrieb betont polyphon und kehrte zugleich zu den irischen Volksweisen ihrer Kindheit zurück; diese Verbindung nannte sie selbst „keltischen Impressionismus". Sie starb 1965 in Wien.
Wiederentdeckung heute
Fast alle Streichquartette der Komponistin liegen nur in Handschrift vor und werden derzeit von Dr. Dima Khierbeck digitalisiert, damit sie überhaupt gespielt werden können. Das Auner Quartett plant für Herbst 2026 eine CD-Produktion mit diesen Werken. An der Royal Academy of Music in London arbeitet die Geigerin Erin Hennessey an einer Dissertation über ihre Kammermusik. Die Koordination der Übersiedelung ihres Nachlasses an das Exilarte Zentrum der mdw übernimmt Gerold Gruber.
Das Thema durch den ganzen Zyklus
Die Wiederentdeckung verdrängter und vergessener Stimmen zieht sich durch alle vier Abende. Im ersten Konzert (25. November 2026) steht Dickenson-Auners Streichquartett Nr. 4 neben Schubert, Brahms und Zemlinsky. Im zweiten (17. Februar 2027) treffen Weberns Langsamer Satz und Bergs „Lyrische Suite" auf den Kaiserwalzer — die Moderne neben der Tanzkultur. Das dritte Konzert (17. März 2027) mit Thomas Hampson versammelt unter dem Titel „Bouquet von Liedern" Werke von Zemlinsky, Mary Dickenson-Auner und weiteren, oft ins Exil getriebenen Komponisten. Das vierte (22. Mai 2027) schließt mit Fritz Kreislers „Bekenntnis zu Wien". So ist Mary Dickenson-Auner nicht nur Programmpunkt eines Abends, sondern die dramaturgische Mitte des gesamten Zyklus.
