Neuanfang in Wien: ein Orchesterkonzert im Musikverein mit dem Reger-Konzert, Mitgliedschaft in Schönbergs Verein, die Busoni-Sonate nach neun Proben. 1922 die österreichische Erstaufführung von Bartóks Erster Violinsonate mit Eduard Steuermann, danach Salzburg mit Bartók selbst — und die erste Begegnung mit Karl Fisselthaler.
Zuerst hatten wir Wohnungssorgen. Trotz meiner Sendung von 6000 fl. aus Holland war es meinem Mann nicht gelungen, ein Haus zu kaufen. So mussten wir uns begnügen, ein ganzes Jahr am Wilhelminenberg in Untermiete zu wohnen, bis es möglich war, eine bessere Wohnung in einer Villa in der Geroldgasse in Neuwaldegg zu bekommen. Es war dort ein herrlich großer Garten, aber inzwischen war die große Inflation gekommen, und das viele Geld reichte nur für Doppelfenster, Öfen und einen Speiselift. Aber wir waren glücklich, wieder alle zusammen zu sein, und freuen uns schon auf unsere eigenen Möbel, die noch in Hermannstadt geblieben waren. Mein Mann unternahm eine abenteuerliche Reise dorthin – es waren noch alles in Unordnung nach dem Krieg – und er schätzt es sich glücklich, dass er einen Wagen bekam, mit dem er ungefähr eine Woche unterwegs war. Nun ging ich daran, mein Musikleben wieder aufzubauen, und begann damit, ein Orchesterkonzert im großen Musikvereinssaal zu veranstalten. Am Anfang des Programms stand meine geliebte Sinfonie Espagnole , dann ein irisches Märchen für Violine Solo und Orchester von mir, und als drittes: das Violinkonzert von Max Reger , dass noch nicht ganz in Wien gespielt worden war, nur der langsame Satz einmal von Adolf Busch . Es ist ein Monstrum-Konzert, dauert 70 Minuten und recht schwierig, aber prachtvoll, besonders der langsame Satz trotzt vor Schönheiten. Dass es mir gelangt, damit das Publikum bis zuletzt zu fesseln, rechne ich mir und dem Dirigenten, Anton Konrath hoch an. Aber es gehörte Mut dazu.
Meine Kinder waren noch zu jung, um in das Konzert mitgenommen zu werden, aber in die Probe durften sie kommen. Prof. Konrath war nachher sehr lieb mit Ihnen, setzte meinen sechsjährigen Buben auf sein Knie, und ließ ihm verschiedene Instrumente vorführen, die Harfe, Posaune, und andere, was ihn sichtlich beeindruckte und freute. Das Konzert war gut besucht, und die Einnahmen kamen einem Kinderheim in Hütteldorf zugute.
Nach dieser Bewährung war es leicht für mich in das Wiener Musikleben hineinzukommen. Ich lernte Schönberg und seine Umgebung kennen, und trat auch in den erst vor kurzem gegründet Schönberg Verein ein. Dort wurden regelmäßig Konzerte veranstaltet mit den neuesten Kompositionen Schönbergs, seinen Schülern und Anhängern. Die Konzerte waren immer ein Ereignis, und wenn etwas ganz besonders heikel und atonal gespielt wurde– meist von Schönberg dirigiert – so drehte er sich zum Publikum und sagte: „So, nun werden wir das noch einmal spielen.“ Und die Zuhörer mussten das wohl oder übel über sich ergehen lassen.
Ich hatte mich zur Mitwirkung angemeldet, kam aber die erste Zeit nicht dazu, weil der linkshändige Geiger Kolisch das Alleinrecht für sich in Anspruch nahm. Bis Schönberg selbst ein Machtwort sprach und mir den Auftrag gab, die große Sonate von Busoni mit den Variationen über einen Choral von Bach einzustudieren. Nun war der Brauch bei diesen Aufführungen, dass jedes Stück mindestens neun Proben haben sollte, und zwar jede Probe unter Aufsicht eines anderen Musikers, von ihm bestimmt. So kam ich mit der Pianistin der Reihe nach zu: Dr. Benno Sachs, Alban Berg, Erwin Stein u.a. Und jeder hat seine eigene Meinung über die Auslegung der Musik. Ich hörte mir alles an, war sehr interessiert, hielt mich dann aber doch an meinen eigenen Instinkt. Die letzte Probe war dann bei Schönberg in Mödling , bei der er wieder alles ganz anders haben wollte. Bei der öffentlichen Aufführung brachte ich dann das sehr schöne und groß angelegte Werk so wie ich es mir vorgestellt hatte, und Schönberg und das Publikum nickten beifällig dazu. In dieser Zeit lernte ich die Pianistin Berta Jahn-Beer kennen, eine hervorragende Beethoven Interpretin, mit der ich alle Violinsonaten Beethovens in drei Abenden öffentlich spielte. Eine sehr große Freude und Befriedigung für mich, und von viel Erfolg gekrönt. Sonst hatte ich mich so ziemlich ganz der modernen Musik verschrieben, da ich sie kennen lernen wollte, so wie mich alles neue interessierte. Durch eine ungarische Freundin bekam ich das M. S. von Bartok s Violinsonate in die Hand, und beschloss, sie als Erstaufführung in Wien zu bringen. Natürlich mit Bartoks Erlaubnis. Der brillante Pianist Eduard Steuermann erklärte sich bereit, den Klavierpart zu übernehmen. Drei Wochen brauchten wir an dem äußerst schwierigen Werk, manchmal zweifelnd, ob sich etwas herausschälen würde, und nicht wissend, wie ein Publikum sich dazu stellen würde, denn es war sehr atonal und stellte tüchtige Anforderung an den Hörer. Aber schon beim ersten Satz fühlte ich, dass die zahlreich anwesenden mitgingen, der Beginn des zweiten Satzes, in dem die Geige eine langsame, einsame Melodie ohne Begleitung spielt, hatte den Kontakt schon ganz hergestellt, so dass der darauf folgende letzte Satz mit seinem zündenden Rhythmus, in denen wir unser ganzes Temperament hineinlegten, zum Schluss helle Begeisterung entfachte. Die Kritiken waren sehr gut und Bartok äußerte seine Zufriedenheit schriftlich. Ein Resultat war die Aufforderung der neu gegründeten internationalen Gesellschaft für Kammermusik , mit Bartok selbst im Sommer 1922 in Salzburg zu spielen.
Die Proben sollten bei mir in Neuwaldegg stattfinden, und zu diesem Zweck kam Bartok aus Budapest und wohnte bei uns. Es war eine bemerkenswerte und interessante Woche. Bartok war ein feiner stiller Mensch, der sich gern in den Garten setzte, um zu arbeiten. Die Proben mit ihm waren sehr wertvoll für mich, und seine klugen Bemerkungen gaben mir viel zu denken. Unter anderem meinte er, dass der polnische Komponist Szymanowski ihn stark beeinflusst habe, besonders mit seinen „ Trois Mythes “ für Violine und Klavier, die ich auch sehr schätze und öfters öffentlich gespielt hatte. Wir fuhren dann gemeinsam nach Salzburg, wo eine große internationale Gesellschaft versammelt war. Die Programme enthielten eine Menge mehr oder weniger interessante Neuigkeiten – Bartoks Sonate erregte viel Interesse – aber am nettesten fand ich die abendlichen Zusammenkünfte im Gasthaus, bei denen Hindemith und Gieseking eine lustige Rolle spielten, und uns alle in heiterer Stimmung brachten. Es wurde auch eine Fotoaufnahme der Mitwirkenden gemacht, auf der Bartok leider fehlt, er war zurzeit nirgends zu finden. Nach Wien und zum Alltag zurück, wartete allerhand Arbeit auf mich. In dieser Zeit fällt die Uraufführung von Schönbergs „ Pierrot Lunaire “ mit kleinem Ensemble und einer Sprech – Singstimme. Es fand Anklang beim Publikum – ich konnte mich weniger damit befreunden – und es wurde mehrmals aufgeführt. Mein Vetter in Holland , Charles Boissevain interessierte sich dafür und lud Schönberg mit dem Ensemble ein, auf seine Kosten nach Holland zu kommen, um eine Aufführung in seinem Haus zu veranstalten.
Da ich nicht im „ Pierrot “ mitwirkte, sollte ich zur Einleitung mit Eduard Steuermann eine Violinsonate von Reger spielen, damit ich „auch“ dabei sein konnte. Es war eine etwas merkwürdige Reise. Die Aufführung vor einem „erlesenen“ holländischen Publikum in dem schönen Landhaus war gut gelungen und es gefiel Schönberg so gut dort, dass er gerne länger dort geblieben wäre. Aber meine Cousine, die Frau des Vetters, die keine besondere Musikenthusiastin war, sagte ab, so dass die Kränkung groß war, und der Abschied nicht sehr herzlich, zum großen Bedauern meines Vetters.
Von meiner verkauften Stradivarius ist noch zu berichten, dass ich nach dem ersten Weltkrieg die jetzige Besitzerin ausfindig machen konnte in den U.S.A. , und zwar mithilfe eines anderen Vetters – einem Bruder von Charles – der in den U.S.A. lebte und mit der bekannten Dichterin Edna St. Vincent Milais verheiratet war, wenigstens einen Teil des restlichen Betrages bekam, so dass ich mir hier in Wien eine schöne Fernando Gagliano kaufen konnte.
Kurz nach meiner Rückkehr nach Wien lernte ich einen eigenartigen und interessanten Menschen kennen: Karl Fisselthaler. Man konnte ihn nicht einen Geigenbauer nennen, denn er baute die Geige nicht selbst, sondern ließ sie nach seinen Angaben bauen oder kaufte ganz billige Geigen, die er dann zum Klingen brachte, und zwar war sein Bestreben, dass sie ebenso gut klingen sollten wie die beste Stradivari Geige. Jahrelang arbeitete er daran, und er kam der Lösung dieses Problems wirklich immer näher. Ich interessierte mich sehr dafür, und war bereit, die Geigen, die er „behandelte“ zu prüfen und ihre Klangwirkung so weit als möglich festzustellen. Es gab auch später einmal eine öffentliche Vorführung, bei der das Publikum erraten sollte, welches von den Instrumenten die echte Stradivarius wäre. Es war tatsächlich schwer, man konnte den Unterschied nur schwer erkennen. Fisselthaler selbst war aber noch nicht zufrieden und arbeitete emsig weiter. Er zog natürlich den Zorn aller Geigenbauer in Wien auf sich, aber die Regierung war auf ihn aufmerksam geworden, und bot ihm sogar an, ein eigenes Institut für seine Arbeit zu errichten. Fisselthaler fühlte aber, dass er noch nicht so weit war, und wir setzten unsere gemeinsamen Anstrengungen weiter fort. Was er mit den Geigen machte, war sein Geheimnis, er gab es auch niemals Preis. Ich wusste nur, dass er die verschiedenen Teile der Geige aufeinander abstimmte, und die Decke besonders bearbeite, bis der Klang uns beide befriedigte. Er brachte mir immer seine beste Arbeit, bis er mir einmal eine so schöne, wohlklingende Geige brachte, die ich behalten durfte und auf der ich dann immer öffentlich spielte. Ich behauptete, dass sie von selbst spielte, so leicht sprach sie an, und so leicht spielte sie sich.
Als dann die Zeit der Nationalsozialisten kam, wollten Sie die Sache groß aufziehen und ein Institut für seine Arbeit in Berlin gründen. Aber er dankte und behauptete, er könne seine Arbeit nicht ohne den Wienerwald ausführen. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Russen vier Männer per Flugzeug schickten, um ihn nach Moskau zu holen, wehrte er sich heftig, sagte er sei herzkrank und würde die Reise nicht überstehen. So ließ man ihn hier. Wenige Jahre später starb er, und mit ihm sein Geheimnis, dass er niemandem anvertraut hatte.
Aus „Mein Musikleben“ von Mary Dickenson-Auner, 3. Oktober 1963. Der Text folgt dem Manuskript; die Kapitelzählung stammt aus dem Original.