Kriegsjahre bei der Schwester in den Niederlanden: kein Hunger, aber Kälte. Auftritte mit dem Concertgebouw-Orchester, Sonatenabende, Konzertreisen zum Broterwerb. Eine Begegnung mit Rabindranath Tagore und ein Kreis stiller Menschen verändern ihre Sicht auf das Leben.
In Holland hatten wir zwar nicht mehr Hunger, aber wir froren tüchtig. Die meisten Familien, mit ihren schönen großen Häusern und Villen, hielten sich im Bade- oder Kinderzimmer auf. Die Schwester meiner Mutter hatte auch einen Holländer geheiratet, und zwar den früheren Chefredakteur des Bekannten „Handelsblad“, sie wohnten mit einer großen Familie (11 Kindern) in unserer Nähe. Der älteste Sohn, Charles Boissevain , war ein großer Kunstfreund und eng befreundet mit Gustav Mahler und Willem Mengelberg . Wir freundeten uns an, und ich hatte auch später oft Gelegenheit mit ihm zusammen zu kommen. Ohne seine Protektion (da das in Holland nicht üblich ist) hatte ich in den Jahren dort zweimal die Möglichkeit, im Concertgebouw in Amsterdam mit dem dortigen Orchester zu spielen. Das erste Mal die Sinfonia Espangnole , mit der ich wieder einen sehr großen Erfolg hatte, und das zweite Mal die schottische Fantasie . Außerdem gab ich einige Sonatenabende mit einer sehr guten Pianistin, Jeanette Valen . Da kein Geld aus Österreich geschickt werden konnte, musste ich verdienen, und ich fuhr zu diesem Zweck im Land herum, während Teta auf die Kinder aufpasste. Da die Verhältnisse in Wien 1919 noch immer sehr schlecht waren, und wir auch keine Wohnung hatten, mussten wir uns gedulden und noch in Holland bleiben. Der Leser dieser Aufzeichnungen wird fragen: „Worin besteht nun das schicksalhafte in diesen Jahren?“ Ich kam nach Holland in einer tiefen Depression. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das Leben je wieder lebenswert sein könnte. Da wurde ich aufmerksam auf eine Gruppe von Menschen, die das Leben ganz anders anpackten, und von denen ich manches abgucken lernte, sodass ich mit Neuem dem Schicksal entgegenging. Es waren nicht alle berühmte Menschen, sie trachteten nicht nach Erfolg und Ehren, aber es waren große Menschen, die turmhoch über den Durchschnittsmenschen standen, und in aller Stille ihr Leben dem Wohle der Menschheit widmeten.
Durch meine Cousine Mary van Eaghen , lernte ich auch Rabindranath Tagore kennen, der einige Monate bei ihr auf ihrem schönen großen Besitz am Züricher See wohnte. Diesen Besitz schenkte meine Cousine einer Organisation, die dort eine Montessori Schule, eine Kirche, Vortragssäle u.a. baute. Ein Abend mit Tagore ist noch gut in meiner Erinnerung. Ich spielte ihm Bach und Beethoven – die Musik gefiel aber nicht seinen indischen Ohren – und der sang seine eigenen Lieder
Zusammenfassend möchte ich sagen, dass ich meine Weltanschauung gründlich änderte, und von da an mit frohen Augen die Welt sah.
Im Herbst 1920 ging es samt Teta und Kindern wieder nach Wien.
Aus „Mein Musikleben“ von Mary Dickenson-Auner, 3. Oktober 1963. Der Text folgt dem Manuskript; die Kapitelzählung stammt aus dem Original.