Ab 1925 die „Hörstunden“: klassische Musik für Volksschulkinder ab der ersten Klasse, erklärt und live gespielt. Vom Versuch an einer Schule in Dornbach bis zu rund siebzehn Wiener Schulen — ehrenamtlich, gegen den Widerstand jener, die lieber Volksmusik gesehen hätten.
Ich muss nun zurückgehen ins Jahr 1925. Schon einige Jahre früher erwachte der Wunsch in mir, etwas Nützliches für die Menschen zu tun. Natürlich mit Musik, und es kam mir in den Sinn - wenn wir Kinder von kleinauf dazu erziehen könnten, gute Musik kennen und leben zu lernen, so müsste das einen großen und verfeinernden Einfluss auf ihren Charakter ausüben. Der Zufall – wenn man es so nennen will – brachte mir die Bekanntschaft des Schulinspektors Steyskal , und ich hatte Gelegenheit, ihm meinen Plan auseinanderzusetzen. Er zeigte sich dafür interessiert, und meinte, dass er sich machen ließe. Die Volksschulen schienen mir das richtige Feld für diese Idee, und zwar mit der ersten Klasse beginnend, da die Kinder in diesem frühen Alter am eindrucksfähigsten sind, und das Ohr durch schlechte Musik – Jazz und Schlager – noch nicht verdorben ist. Ich nahm mir die Mühe, die Programme, so wie sie mir vorschwebten, auszuarbeiten, vorerst nur Haydn , Mozart , Schubert und Beethoven , aber für jedes Mal nur ein Komponist. Mit diesen Programmen und einer Empfehlung von Inspektor Steyskal machte ich mich kühn auf den Weg zum Stadtschulrat. Ich wurde in ein Zimmer mit grünem Tisch geführt, und sechs oder sieben Herren empfingen mich sehr freundlich. Ich setzte Ihnen meinen Plan auseinander, sie hörten aufmerksam zu und stellten Fragen. Zum Schluss fragte einer der Herren: „Und was haben Sie davon?“ Worauf ich antwortete: „Ich habe die Freude der Kinder.“ Auf das folgte ein skeptisches Lächeln. Damit war die Sitzung zu Ende. Aber bald darauf bekam ich ein offizielles Schreiben, dass mir die Erlaubnis erteilte, in der Volksschule in der Knollgasse , Dornbach , das Experiment auszuführen, und zwar außerhalb des Unterrichts, dem Unterricht angeschlossen. Der sehr sympathische Lehrer, Rudolf Hörmann , hatte sich bereiterklärt, mit mir gemeinsam die Stunden, einmal in zwei Wochen, zu übernehmen. Ich fand eine kleine Gruppe von idealistisch gesinnten Musikern, die bereit waren, ihre Zeit und Kraft für die Sache herzugeben.
Ich hatte nur die erste und zweite Klasse, Mädchen und Buben ausgebeten, und als der Tag dann kam, fand ich meine schönsten Hoffnungen gerechtfertigt, denn die Kinder hörten sich alles mit Begeisterung, leuchtenden Augen und offenen Ohren an. Das Programm hatte ich mit dem Lehrer Hörmann genau besprochen: zuerst ein Stück aus der Kindheit Haydn s erzählt, dann kleine, leichte Musik, wobei jedes Stück erst erklärt wurde. Es war gleich zu Anfang ein voller Erfolg und die Kinder waren schon gespannt auf das nächste Konzert. Das nächste Mal würden die Kinder gleich zu Beginn ausgefragt über das, was sie gehört hatten, und es war gleich zu sehen, dass das gehörte Ihnen verständlich war. Dann würde dasselbe Procedere fortgesetzt mit Mozart . Nach einiger Zeit fanden wir, dass in der Schule ein Klavier sehr fehlte. So beschlossen wir, ein Konzert zu geben, dessen Rheinertrag zum Ankauf eines Klaviers für die Schule dienen sollte. So taten sich die Pianistin Berta Jahn-Beer, der Cellist Wilhelm Winkler und ich zu einem Trio zusammen, und veranstalteten einen Trioabend in einem ganz netten größeren Saal in Dornbach . Es war in jeder Hinsicht ein Erfolg, dass zahlreiche Publikum war, anerkennend und aufmerksam – am aufmerksamsten waren die Kinder von der Knollgasse – und wir hatten das Geld für ein Klavier. Da gingen die Konzerte – oder Hörstunden, wie wir sie nannten – besser von statten. Nach ungefähr einem Jahr luden wir die Herren vom Stadtschulrat ein, sich die Sache einmal anzusehen, oder anzuhören, und es war sehr befriedigend ihre Verblüffung zu sehen - über das Verständnis und vor allem das Wissen über Musik, dass die Kinder in der Zeit erlangt hatten. Es wurde uns viel Lob und Ermutigung zu Teil, und hauptsächlich bekamen wir Erlaubnis, breiter zu arbeiten und dasselbe auch in anderen Volksschulen einzuführen. Da fingen meine Schwierigkeiten an. Denn ich fand nicht genug Musiker, die ohne Bezahlung mittun wollten oder konnten, und daran war Vorderhand nicht zu denken. So haben wir es bis 1938 nur zu ungefähr 17 Schulen gebracht. Aber diese hatten sich gelohnt.
Im dritten oder vierten Jahr hatte ich den Dirigenten Anton Konrath gebeten, mit seinem Orchester in einem Vereinskonzert die Pastorale von Beethoven aufzuführen und die vierte Klasse der Schule in Dornbach dazu einzuladen. Er willigte ein und das Komitee lud die vierte Klasse der Knollgasse ein. Wir bereiteten die Kinder darauf vor, indem wir Ihnen den Aufbau des Werkes erklären, und Ihnen die Hauptthemen am Klavier vorführten. Als wir soweit waren, verständigte ich Prof. Konrath und das Komitee war so freundlich, die Kinder einzuladen Ein wenig ängstlich waren die Herren schon, ob die Buben so lange ruhig bleiben würden, aber sie haben uns alle Ehre gemacht, waren Mäuschen still und aufmerksam, baten auch, nach der Sinfonie noch bleiben zu dürfen, bis zum Ende des Konzerts. Natürlich gab es auch Gegner dieser Sache, hauptsächlich unter den Lehrern, solche die sich für Volksmusik in den Programmen einsetzen, und auch Gitarre oder Ziehharmonika herein bringen wollten. Ich war sehr dagegen, denn ich behauptete, dass die Volksmusik nicht unbedingt eine Brücke zur klassischen Musik bildet, sondern eher davon ablenkt. In einigen Fällen konnte ich es nicht verhindern, aber in den Schulen, wo ich arbeitete, ließ ich mich nicht irre machen und ging ruhig meinen eigenen Weg. Sehr erfreulich war das Interesse, das Sektionschef Padrus an dem Unterrichtsministerium zeigte. Er veranstaltete eine Vorführung der Hörstunden mit der ersten Volksschulklasse, zu der er 60 Lehrer einlud. Alle waren von der Wirksamkeit dieser Stunden überzeugt und bereit, sie zu unterstützen. Manchmal gab es recht heiter Episoden. In einer zweiten Volksschulklasse zeigte der Lehrer ein Bild von Beethoven. Die Kinder meinten, er sehe sehr bekümmert aus. „Warum denn?“ fragte der Lehrer. Ein kleines Mädchen zeigte auf: „Bitte, Herr Lehrer, weil er einen Groschen verloren hatte“. Das Klavierstück: „Die Wut um den verlorenen Groschen“ hatte jedenfalls Eindruck gemacht. In diesen Jahren hatte ich zweimal sehr schöne Anerkennungsschreiben vom Stadtschulratspräsidenten Glöckl erhalten, und was mich besonders freute, der Lehrer Rudolf Hörmann er erhielt für seine 13-jährige Treue Mitarbeit eine Erhöhung seiner künftigen Pension.
Eine Mädchenklasse in der Gallileigasse , mit sehr entgegenkommender Direktorin, war mir besonders ans Herz gewachsen. Vier Klassen Volksschule und nun die dritte Klasse Hauptschule hatten wir mit Ihnen gearbeitet. Die Programme waren erweitert worden, sie schlossen Bach , Brahms , Reger und andere Komponisten ein, das letzte Jahr sollte auch moderne Musik bringen. Das letzte Konzert im Februar 1938 wurde auch von einigen Herren vom Stadtschulrat besucht, und sie konnten ihren Ohren nicht trauen, als sie die jungen Mädchen eine Frage besprechen und erklären hörten. Einen Monat später zogen die deutschen Truppen in Wien ein, und dann kam diese Arbeit in ein ganz anderes Stadium. Es wäre noch über zwei Konzerte zu berichten, die ich im Jahr 1937 und 1938 gab. Das erste mit der Pianistin Grete Neufeld , ein Sonatenabend im Festsaal des Industriehauses , in dem die Hauptnummer des Programmes, eine Erstaufführung in Wien, die große Violinsonate von Cyril Scott , die sehr bedeutend war, und 40 Minuten dauerte. Außerdem waren noch Sonaten von Hindemith , Debussy , und Cesar Frank auf dem Programm. Das zweite Konzert auch mit Grete Neufeld und meiner Tochter Moria, mit der ich Werke von Vivaldi , Max Reger und die Serenade von Kodaly spielte, mit Gustav Gruber als Viola-Spieler. Es war eine besondere Freude für mich, mit meiner Tochter zu musizieren, ich hatte sie von ihrem sechsten Jahr an unterrichtet, sie war sehr begabt und lernte leicht – zu leicht – so dass es kein besonderer Anreiz für sie war, die Musik als Beruf aufzunehmen. Aber sie machte mir trotzdem alle Ehre. Auch mein Sohn ist ein sehr guter Cellist. Während des Zweiten Weltkriegs nahm erst Stunden von Prof. Grüner, der viel von ihm als Cellisten hielt, und ihn überreden wollte, es beruflich auszuüben. Nach reiflicher Überlegung, bei der ich ihm nicht dreinredete, hielt er es doch für besser, bei der Mathematik zu bleiben.
Aus „Mein Musikleben“ von Mary Dickenson-Auner, 3. Oktober 1963. Der Text folgt dem Manuskript; die Kapitelzählung stammt aus dem Original.