Auner Quartett

Mein Musikleben · Kapitel 11 von 14

Kapitel XI - Musik in den Schulen 2

Musik in den Schulen 2


Nach dem März 1938 werden die Hörstunden auf Anordnung der Reichsmusikkammer fortgeführt, nun bezahlt und an allen Wiener Schulen — aber in den falschen Altersstufen. Sie spielt mit einem Familienquartett weiter, bis eine Anzeige wegen des unterlassenen Hitlergrußes ihre Arbeit beendet.

Wir hatten den Beweis erbracht, dass es möglich ist, Kinder vom Kleinen auf in die klassische Musik einzuführen. Im März 1938 war die schöne und dankbare Arbeit von meinem Standpunkt aus zu Ende. Wenigstens schien es so. Aber es kam anders. Natürlich waren die Hörstunden von diesem Zeitpunkt an beendet. Es wurde still in den Schulen. Mein Unternehmungsgeist ruhte aber nicht. Ich hatte in früheren Jahren den Dirigenten Peter Rabe in München kennengelernt. Er war jetzt Leiter der Reichsmusikkammer . An ihn schrieb ich und berichtete von unseren Hörstunden in Wien . Er antwortete, dass er davon wüsste und dass die Arbeit fortgesetzt werden sollte. Er beauftragte Vorderhand Oskar Fritz , der öfters mit mir zusammengearbeitet hatte, die Sache wieder in Gang zu bringen, und zwar sollte es in allen Schulen in Wien eingeführt werden, in die zwei obersten Volksschulklassen, Hauptschulen und Gymnasien. Auch sollten die ausführenden Musiker bezahlt werden. Ich war nicht allzu glücklich darüber, denn gerade die zwei ersten Volksschulklassen waren das beste Material, und ich war sicher, dass die Hauptschulen versagen würden, weil die Ohren dieser Kinder schon durch minderwertige Musik verdorben waren. Das erwies sich auch später als ganz richtig. Die Musiker wurden aufgerufen und sollten sich zu dieser Arbeit melden. Das tat sie auch in Scharen, denn nun wurde die Leistung ja bezahlt. Es meldet sich eine ganze Anzahl Streichquartette, da die meisten Schulen kein Klavier hatten. Auch ich melde mich mit meinem Streichquartett, dass aus meiner Tochter, einer befreundeten Viola-Spielerin und meinem Sohn als Cellisten bestand. Ich bekam die Erlaubnis, trotz meiner englischen Staatsbürgerschaft mitzuwirken. Und jetzt begann emsiges Treiben in den Schulen! Wir bekamen einen richtigen Stundenplan, der uns in alle Bezirke in Wien brachte – so gut hatte ich noch nie Wien kennengelernt – und im Winter 1938 – 39 mussten wir oft um 07:00 Uhr früh losziehen um manchmal von 08:00 bis 13:00 Uhr Hörstunden zu absolvieren. In den Volksschulen ging alles glatt, und die meisten Lehrer waren bereit, mitzuhelfen. Aber die Hauptschulen waren eine Katastrophe. Bei den Buben war es ganz unmöglich, mit unserer „guten“ Musik durchzudringen. Sie lärmten und tobten und verlangten Jazz und Schlagermusik. Es geschah öfters, dass wir einfach aufstanden und fort gingen. Anders war es in den Gymnasien. Dort waren die Schüler vernünftig und aufmerksam, und gaben sich wirklich Mühe, das Gebotene zu verstehen. Dort lernte ich auch den hervorragenden Pädagogen und Musiker Prof. Mousé kennen, der sich größte Mühe gab, das Verständnis der Schüler zu wecken. Einmal, bei einer Vorführung in der ersten Klasse merkte ich, dass die Schüler alle Antworten wussten, und äußerte mein Erstaunen darüber. Ein Junge meldete sich und sagte: „Ja, das haben wir schon in der Volksschule mitgemacht!“ Das war mir eine große Genugtuung. Nun verlor ich meine gute zweite Geige, meine Tochter heiratete in den U.S.A. , und ich musste mit etwas weniger Gutem vorliebnehmen. Ohnehin hatte meine Stunde schon geschlagen, denn ein mir nicht gut gesinnter Lehrer verklagte mich bei der obersten Behörde, dass ich in die Schule beim Eintritt nicht mit „ Heil Hitler “ grüßte. Es wurde mir nahegelegt, mich entweder dem Gebrauch anzupassen oder mich zurückzuziehen. Als Engländerin zog ich das Letztere vor, und das war das Ende meines „Abenteuers“ in den Schulen. Im Jahr 1934 verließen wir Neuwaldegg und zogen in die Rathausstraße , in eine große Wohnung, wo wir sehr schöne Musik – besonders Quartett – Abende geben konnten. Aber das dauerte nicht lange. Im selben Jahr ließen mein Mann und ich uns einverständlich scheiden, da Dr. Auner nochmals heiraten wollte. Ich zog dann in die Reisnerstrasse im dritten Bezirk, wo ich heute noch bin. Als Ausländerin war es mir natürlich verboten, öffentlich aufzutreten, aber auch Privatstunden durfte ich nicht geben, so dass ich plötzlich jeden Wirkungskreis verlor.

Aus „Mein Musikleben“ von Mary Dickenson-Auner, 3. Oktober 1963. Der Text folgt dem Manuskript; die Kapitelzählung stammt aus dem Original.