Auner Quartett

Mein Musikleben · Kapitel 12 von 14

Kapitel XII - Schöpferische Arbeit

Schöpferische Arbeit


Mit fast sechzig beginnt sie ernsthaft zu komponieren; die zurückgestauten Töne brechen hervor. Vier Streichquartette, die Irische Symphonie, ein Violin- und ein Cellokonzert. 1945 die Flucht auf den Kreuzberg, Bomben, russische Truppen — und Partiturseiten, mit denen Soldaten ihre Schuhe einwickeln.

Und nun kommt der für mich merkwürdigste und interessanteste Abschnitt meines Lebens. Schon ein paar Jahre früher sagte mir eine innere Stimme: „Du hast die Gaben, die dir vom Schicksal gegeben waren, nicht alle ausgenützt.““ Die Antwort lautete: „Ich weiß es, aber jetzt bin ich zu alt.“ Mit 60 Jahren kann man nicht etwas Neues anfangen. Die letztere Stimme sollte nicht Recht behalten, denn plötzlich war mir der Weg geebnet und frei gemacht. Da ich nichts anderes zu tun hatte, in größter Ruhe mit meiner alten Teta und meinem Sohn leben konnte, war die Voraussetzung da, all die Musik niederzuschreiben, von der ich oft geträumt, aber nie gehofft hatte, sie wirklich zum Ausdruck zu bringen. Die so lange zurückgedämmten Töne, Melodien, Themen, Werke, brachen nun buchstäblich wie eine Flutwelle hervor, und ich konnte sie nicht schnell genug aufzeichnen. Zuerst kamen vier Streichquartette daran, und da zeigte es sich gleich, dass das keltische Blut die Oberhand hatte. In dem einen Quartett hatte ich ein bekanntes Lied, die „ Londonderry Air “ als Hauptthema benutzt, es ging durch das ganze Werk, aufgeteilt in Fragmenten. Aber bald drängte es mich, ein größeres Orchesterwerk zu schreiben, denn ich fand keine Schwierigkeiten im Orchestrieren. In mancher Hinsicht war es ein Vorteil nicht Pianist zu sein, da kam ich nicht in Versuchung, die Musik zuerst fürs Klavier zu schreiben, sondern schrieb gleich eine gedrängte Partitur, mit Angabe aller Instrumente. Ich hörte jedes Instrument ganz deutlich und brachte es immer in seiner Eigenart, nicht nur um andere Instrumente zu verstärken und zu verdoppeln. So entstand 1940 meine erste Symphonie , die Irländische . Da es im Krieg war, und so viele junge Menschen ihr Leben ließen, wurde der langsame Satz eine Totenklage, der letzte Satz ein irländisches Volkslied mit Variationen. Ich hatte Gelegenheit, die Arbeit dem Dirigenten Hans Weisbach vorzulegen, er sprach sich sehr lobend aus darüber und hätte sie zur Aufführung vorgeschlagen in einem der hiesigen Konzerte, die er in den Kriegsjahren dirigierte, aber das ging nicht, weil ich Ausländerin bin. Aber der Gedanke, dass ein so guter Musiker sich so günstig aussprach darüber, war für mich sehr ermutigend. Als Nächstes größeres Werk kam mein zweites Violinkonzert , das sicher sehr spielbar ist, aber über das ich kein weiteres Urteil abgeben kann, da ich es nur mit Klavierbegleitung und nicht mit Orchester gehört habe. Bald danach schrieb ich auch das Cellokonzert , von dem Prof. Grüner den Klavierauszug bekam und verlor. Ich begann nun, eine irländische Volksoper zu schreiben - mit eigenem Text. Das war Anfang 1945, und da begann es ernst zu werden, auch für uns hier in Österreich , mit dem Krieg. Als die Bomben um uns herum einschlugen, in das Haus neben uns, und gegenüber - so dass wir keine Fenster mehr hatten, auch kein Licht, Gas und Wasser. Da fanden wir es an der Zeit, Wien zu verlassen und auf den Kreuzberg im Semmeringgebiet zu fahren, wo ich in 1000 m Höhe ein Häusel hatte. Im Jahr 1930 bekam ich eine kaum mehr erwartete Erbschaft von einem entfernten englischen Vetter. Davon kaufte ich mir ein Stück Land am Kreuzberg , oberhalb von Klamm, das ich schon länger ins Auge gefasst hatte. Den Plan zu einem Häusel entwarf ich selbst, es war praktisch und hübsch, ein guter Baumeister baute es mir ganz nach meinem Sinn, und wir konnten noch den selben Sommer einziehen. Unsere Teta, meine Kinder und ich verbrachten alle Ferien dort, auch Weihnachten, es waren immer herrliche Zeiten und wir konnten uns nie satt sehen an der großartigen Umgebung mit dem Blick auf den Sonnwendstein - ein paar Schritte über den Weg: die Rax und der Schneeberg. Viele Stunden bin ich auf der Veranda gesessen und habe Noten geschrieben, nie wurde mir die Zeit lang. Das waren glückliche Zeiten für uns alle! Aber auch hierher kam der furchtbare Krieg. Als wir im Februar 1945 hinauf flüchteten, war es wohl noch ein paar Monate ruhig dort. Aber dann eroberten die Russen das Gebiet rings herum, und wir saßen erst recht mittendrin. Ich hatte meine nicht ganz fertige Oper „ Maureen “ mitgebracht, und was ich sonst noch an Noten bringen konnte, u. a. die Partitur der irländischen Symphonie und auch sonst Sachen die mir wertvoll erschienen. Zum Beispiel meine vier Medaillen aus der Studienzeit, die später den Russen in die Hände fielen. Als dann die S.J. hinter unserem Haus, und die Russen auf dem Eselstein (vis à vis) aufeinander schossen, so dass wir zwischen zwei Feuern waren, da wurde es uns mehr als ungemütlich. Es wurde uns dringend geraten, weiter über den Berg, nach der Speckbacher Hütte zu ziehen, etwa eine Stunde weiter oben. Dort war es besser, und wir konnten dort in einer kleinen Villa unterkommen, in der Nähe von guten Bauern, die uns mit einigen Lebensmitteln versorgen konnten. Hier konnte ich an meiner „Maureen“ weiterarbeiten. Bis der Bescheid kam, dass Marie Stika und ich (mein Sohn war in Wien) als Ausländerinnen nicht in der Feuerlinie sein durften, dass man uns nach Spittal bringen würde und von dort sollten wir alleine weiter nach Westen. Diese abenteuerliche Reise will ich nicht beschreiben, das liegt nicht in meiner Absicht, sie hat auch nichts zu tun mit Musik. Meine Noten hatte ich zum größten Teil in der uns am nächsten liegende Villa bei Frau Dr. Withalm gelassen, da sie auf jeden Fall dortbleiben wollte, schien es mir am sichersten. Als die Russen dann hinkamen, sah Frau Dr. Withalm, dass sie Seiten aus einer Partitur benutzten, um Schuhe einzupacken. Ich war froh, dass ich es nicht selbst sehen musste. In dem Kampf ums Leben kam ich nicht dazu, Musik zu schreiben, und es sollte viele Monate dauern, bis es wieder so weit war. Das Kriegsende fand uns in Strobel bei lieben Freunden, Graf und Gräfin Paar in schönster Umgebung, am Wolfgangsee , aber es drängte mich die ganze Zeit wieder nach Hause, und zum eigenen Schaffen. Wir bekamen aber keine Erlaubnis dazu bis zum Herbst, und dann war es auch wieder eine abenteuerliche Reise, bis wir endlich wieder in der Reisnerstrasse im eigenen Heim waren.

Aus „Mein Musikleben“ von Mary Dickenson-Auner, 3. Oktober 1963. Der Text folgt dem Manuskript; die Kapitelzählung stammt aus dem Original.