Auner Quartett

Mein Musikleben · Kapitel 13 von 14

Kapitel XIII - Heimkehr

Heimkehr


Zurück in der Reisnerstraße: das Vaterunser, die Zweite Symphonie, ihr eigener harmonischer Weg über Vier-, Fünf- und Sechsklänge. Aufführungen beim British Council und im Radio, das Klarinettenquintett, die Oper nach Yeats — und die Symphonie, die erst nach sechs Monaten und korrigierten Stimmen ihre Sendung erlebt.

Wieder in der gewohnten Umgebung, setzte der Musikzustrom von Neuem ein. Zunächst zwei größere Werke: das „ Vater Unser “ für Chor, Solo stimmen und Orgel, und gleich darauf die zweite Symphonie . In den Jahren von 1920 - 38 hatte ich viel neue und atonale Musik gespielt und gehört. Aber sie befriedigte mich nicht, wenn sie mich auch interessierte. Als ich dann 1940 anfing, ernstlich zu komponieren, beschloss ich, einen anderen Weg zu gehen. Die alte Dreiklang-Musik reizte mich nicht mehr, und ich dachte mir, wenn man sozusagen eine Dimension dazugeben würde, also andauernd den Vierklang verwende, müssten eigenartige Klangwirkungen herauskommen. Ich war auch für deutliche Themen, sogar mehrere auf einmal, so dass sich meine Musik sehr polyphon gestaltete. Also fast keine Dreiklänge mehr, später noch Fünf – und Sechsklänge dazu, und noch später Siebenklänge. Die aber nur vereinzelt, weil ich vermute, dass das Ohr des Menschen sich erst daran gewöhnen müsste. Kurz nach Kriegsende erreichte ich eine Aufführung meines Streichquartetts mit der Londonderry Air im British Council , das besonders schön gespielt wurde von bekannten Konzerthausquartett . Bald darauf brachte das Prix Quartett meine anderen Quartette im Radio Wien . Ich hätte gerne eine Aufführung des „ Vater Unser “ in einer Kirche erreicht, aber die katholische Kirche lehnte den Schluss „denn Dein ist Reich“ ab, und ein protestantischer Pfarrer fand, dass man das „Vater Unser“ überhaupt nicht singen solle in der Kirche. So wartete ich auf eine bessere Zeit damit. Von der zweiten Sinfonie weiß ich, so merkwürdig es klingt, zu wenig, und habe auch bis jetzt keine Aufführung angestrebt.

Das nächste Werk, Opus 26, war das Klarinettenquintett , mit dem ich Glück hatte. Es fand Beachtung bei Prof. Weissgärber und wurde von seinem Streichquartett und dem bekannten Klarinettisten Prof. Wlach im Radio und im Konzert aufgeführt. Prof. Weissgärber war mir ein guter, wohlwollender Freund, und ich habe seinen zu frühen Tod sehr bedauert. Um diese Zeit kam mir ein Band Gedichte von dem irländischen Dichter William Butler Yeats in die Hände: dort fand ich ein Drama „ The Shadowy Waters “, das mich sehr begeisterte und zu einer Oper inspirierte. Ein Freund rät mir, zuerst eine „symphonische Dichtung“ darüber zu komponieren, ein Grund dafür war, dass ich nicht sicher sein konnte von seiner Erbin das Aufführungsrecht zu erhalten. Die symphonische Dichtung befriedigte mich aber nach Vollendung nicht mehr, und ich stürzte mich mit Eifer in die Oper. Von September 1948 bis Mai 1949 lebte ich in einer besonderen Welt mit den „Shadowy Waters“ (Die schattenhaften Wasser), und ich hatte das Gefühl, die richtige Stimmung erfasst zu haben. Ich bekam auch die Erlaubnis von Mrs. Yeats für die Aufführung, aber bis jetzt ist es nicht dazu gekommen. Ich hatte meine irländische Symphonie Dr. Hans Swarowsky zur Ansicht gegeben, und er riet mir, es beim Radio einzureichen. Das tat ich und – siehe da – ich hatte Erfolg. Ich hatte noch keinen Kopisten bis jetzt, hatte alles mit der Hand geschrieben. Aber nun hieß es, einen Kopisten finden, und leider war ich in diesen Dingen noch ganz unerfahren. Ein netter jüngerer Student bot sich an, die Arbeit zu übernehmen, behauptete Routine zu haben, was ich ihm gerne glaubte, auch wusste ich, dass er den Verdienst sehr brauchte. Das Datum der Aufführung im Radio wurde fixiert, die Symphoniker waren dazu engagiert, und ich schickte ahnungslos die Orchesterstimmen ein. In meiner Unschuld war es mir auch nicht eingefallen, die Stimmen vorsichtig durchzusehen. Ein erfahrener Musiker weiß, dass dem Kopisten immer Fehler unterlaufen, besonders wenn er noch unerfahren ist. Als die erste Probe im großen Konzerthaussaal anging, stellten sich schon gleich die ersten Fehler ein. Der Dirigent, Felix Prohaska , und die Musiker wurden nervös und irritiert, und es dauerte nicht lange, als ein Teil des Orchesters die Instrumente niederlegte, und sich weigerten weiterzuspielen. Der Dirigent verständigte mich, dass die Stimmen erst in Ordnung gebracht werden müssten, bevor man an eine Aufführung denken können. Das war ein schwerer Schlag für mich, und ich ging schwer deprimiert nach Hause. Trotzdem machte ich mich gleich an die Arbeit die Stimmen in Ordnung zu bringen, wobei mir ein guter Freund, Armin Kaufmann , half. Dann verständigte ich die Ravag , hatte aber nicht viel Hoffnung, dass Sie mir noch einmal die Gelegenheit geben würden. In der Ravag hatte ich aber zwei Menschen gefunden, die ungewöhnlich großzügig und vorurteilsfrei waren: Prof. Dr. Kralik und Dr. Halusa ließen sich nicht davon beeinflussen, dass ich ein“ weiblicher“ Komponist war, es heißt allgemein: „Was können Frauen schon Gutes komponieren? So sind wir in dieser Hinsicht überall im Nachteil. Auch eine gute hilfreiche Freundin hatte ich dort gefunden, Frau Herta Harrand , die Sekretärin Dr. Halusa‘s , die ich sehr schätze. Ich musste ein halbes Jahr warten, bis meine Sinfonie wieder dran kam - aber sie kam dran! Und nun gingen die Proben ziemlich glatt, und bei der Aufnahme hatte ich dann eine reine Freude. Was mich besonders freute, war, dass nachher Dr. Halusa sehr herzlich die Hand schüttelte und sagte: „Ich gratuliere Ihnen!“. Auch der Dirigent war zum Schluss ausgesöhnt; er hatte sich viel Mühe gemacht. Denn so einfach eine Partitur von mir aussieht, so ist die Musik nicht leicht für die Spieler, da die Harmonien ziemlich unkonventionell sind. Eine Freundin sagt davon: „Bei Mary‘s Musik denkt man oft, es muss dies und jenes kommen, aber es kommt immer anders!“ Diese Sinfonie wurde dreimal in Wien gesendet, auch durfte ich mit Erlaubnis der Symphoniker und der Ravag ein Tonband in meine Heimat nach Dublin zum Radio Eireann schicken. Seither hat Radio Hilversum die Sinfonie auch aufgenommen und sendet sie von Zeit zur Zeit, da sie dort viel Anklang fand. Ich möchte eine Stelle in dieser Sinfonie hervorheben, die mir besondere Freude macht. Es ist eine Variation im letzten Satz, in der die Pauke den ersten Takt des Themas als Basso Ostinato schlägt, ein etwas ungewöhnliches Verfahren. Durch Vermittlung von Freunden bekam der amerikanische Dirigent Charles Adler die Partitur dieser Sinfonie in die Hände. Sein Urteil lautete: „It is the hell of a good symphony“ auf Deutsch ungefähr: „Es ist eine teuflisch gute Sinfonie“. Er wollte eine Aufführung in Philadelphia durchsetzen, aber es ist ihm leider nicht gelungen Anfang der Dreißigerjahre hatte der Europäische Verlag meine drei Klavierstücke : Basso Ostinato , Aquarelle und Scherzo herausgebracht und später, nach Kriegsende ein Streichquartett . Ich hatte einen Vertrag mit dem Verlag für alle meine Werke, aber es stellte sich heraus, dass der Verlag nicht im Stande war, diesen Vertrag einzuhalten. Mithilfe der A. K. M. (Gesellschaft der Autoren, Komponisten und Verleger) konnte ich diesen Vertrag lösen, und nahm die Verbindung mit Dr. Hans Pero auf. Inzwischen kam ein Werk nach dem anderen. Opus 30, 1949 wurde eine Suite für Violine Solo , die das Glück hatte den Geiger Friedrich Wührer zu interessieren, und zwar so, dass er sie einstudierte und später im Radio Wien uraufführte. Ein effektvolles, aber schwieriges Stück, von Wührer prachtvoll gespielt. Die Aufnahme im Radio fand 1959 statt, die Aussendung geschah aber erst 1961. In den Jahren nach dem Krieg hatte ich Gelegenheit Paul Hindemith wiederzusehen. Er dirigierte seine Werke, und ich suchte ihn nachher im Künstlerzimer auf. Ich begrüße ihn mit den Worten: „Herr Professor, Sie werden sich nicht mehr an mich erinnern.“ er antwortete: „Doch! Salzburg, 1922, Geige!“ was mich sehr wunderte. Ich hatte gelernt, dass man als Komponist warten können muss, die Jahre spielen keine Rolle, und Rücksicht auf den Komponisten schon gar nicht. Als Nächstes kann man drei Lieder mit schönstem Text von W. B. Yeats . Und dann Opus 33, eine Sinfonie für Streicher , die mir eine gute Aufführung im Radio mit Kurt Richter als Dirigent und den Tonkünstlern verschaffte. Diese Sinfonie ist meiner Lieben, guten Freundin Flora Garzarolli gewidmet, der ich so viel Schönes und Gutes in meinem Leben verdanke. Dann kamen japanische Lieder für Sopran und zwei Flöten und ein kleines Capriccio für Klavier . Ich drückte mich schon längere Zeit mit dem Gedanken an ein größeres Werk, das meine weltanschaulichen Ideen zum Ausdruck bringen sollte. Zwei Jahre lang sammelte ich den Text zu einem Oratorium , das den Titel tragen sollte: „ From Night To Morning “ (Von der Nacht Zum Morgen), und in drei Teile eingeteilt war. Erster Teil „der Kampf“ (gemeint ist der Kampf der Seele), zweiter Teil: „Nacht-Kontemplation“, dritter Teil: „morgen – Erfüllung“, das Ganze für Solostimmen, Chor, Orchester, und Orgel . Dazu benutze ich Worte aus weisen Büchern der ganzen Welt, und oft wurde mir die Wahl schwer. Ein groß angelegtes Thema als Einleitung, dann ein Bariton Solo mit Worten aus dem indischen Epos, die Baghavad Gita , in dem Ayuna von Krishna aufgefordert wird, gegen seine Brüder zu kämpfen. Der zweite Teil beginnt mit Nietzsches Nachtlied : „Nacht ist es. Nun reden lauter alle springenden Brunnen“. Der dritte Teil bringt eine freudigere Note: der vorletzte Chor ist eine große Fuge, der Schluss ist wieder ein Chor: „Selig sind die reinen Herzen sind, denn sie werden Gott schauen“. Es sind viele Länder vertreten, durch die verschiedenen Textteile. Zur Ausarbeitung dieses Werkes brauchte ich von September 1950 bis April 1951 Bei mir ging das Komponieren immer sehr schnell, aber das „ins Reine schreiben“ der Partituren ist eine große Arbeit, zu der man sich Zeit lassen muss, und die man nicht beschleunigen kann. Ich konnte meine ganze Zeit dem widmen, und nütze jede Minute am Tag aus dazu, da ich zu der Zeit keine anderen Pflichten hatte, und mit meiner alten Freundin Teta alleine lebte. Mein Sohn hatte inzwischen geheiratet und war nach Nussdorf und später nach Klosterneuburg gezogen. Zum Geigen kam ich schon lange nicht mehr. Um gut zu spielen, muss man viel üben, meine ganze Zeit war aber mit Notenschreiben angefüllt, und weniger als „gut“ spielen mochte ich nicht. Ich ging vielen Konzerte, hörte mir alles an was hörenswert war, besonders neue Musik, bei der ich manchmal lernte, wie man es nicht machen soll. Man kann fragen: „Woher hatte ich die Technik für Orchesterwerke?“- „Ich weiß es nicht!“ Denn meine Vorbildung an der Musikakademie war dürftig genug. Aber es hatte sich mit der Zeit in mir angesammelt, dazu scheine ich auch eine besondere Begabung für Orchestrierung zu haben, die Klangfarben interessieren mich besonders, und jedes Instrument ist mir klanglich vertraut. Eine besondere Vorliebe habe ich für Variationen und Fugen, und, ich glaube, aus diesem Grund ist meine Musik manchmal mit Reger‘s verglichen worden, den ich sehr verehre. Opus 37 war ein Präludium und Fuge , Opus 38 eine Sonate für Cello und Klavier . Beides wurde in den Konzerten der österreichischen Gesellschaft für zeitgenössische Musik aufgeführt. Gleich nach ihrer Gründung trat ich in die Gesellschaft ein. Es folgten drei kleine Klavierstücke und dann die dritte Sinfonie . Sie wurden nach Einreichung gleich vom Radio Wien angenommen und sehr bald aufgeführt: vom Tonkünstler Orchester mit Kurt Richter als Dirigent. Als ich mich nachher beim Konzertmeister bedankte und ihr Spiel lobte, meinte er: „Es ist auch ein schönes Stück“. Was mich natürlich freute. Nun regt er mich ein englischer Journalist, Mr. Swan , an, etwas für die Krönung der Königin Elisabeth von England zu schreiben, und es entstand eine Krönunghymne mit Text von mir. Es ließ sich aber zurzeit nichts damit anfangen, so hob ich es auf für eine spätere Symphonie. Ich bekam nun den Text für eine Oper: „ Die sieben Raben “ ein Märchen von Grimm , sehr schön zusammengestellt und gedichtet von Hans Pero . Die Arbeit freute mich ungemein. Diesmal brauchte ich ein ganzes Jahr dazu, denn der Text ist lang, vier Akte, und es durfte über 3 Stunden dauern. Ich hatte bei der Arbeit eine fröhliche Stimmung, die sich auch in der Musik widerspiegelt, und ich versprach mir viel davon. Durch Pero‘s Vermittlung erweckte es Interesse in Hamburg und Nürnberg , aber unglücklicherweise besaß ich nur die Partitur und einen Klavierauszug handgeschrieben, und nicht das Geld, um wenigstens den Klavierauszug vervielfältigen zulassen. Den einen Klavierauszug konnte Pero nirgends lassen, und ohne dem lässt sich nirgends etwas machen. Und so steht es noch heute mit den geliebten „Sieben Raben“. Sie können nicht fliegen.

Aus „Mein Musikleben“ von Mary Dickenson-Auner, 3. Oktober 1963. Der Text folgt dem Manuskript; die Kapitelzählung stammt aus dem Original.