Auner Quartett

Mein Musikleben · Kapitel 1 von 14

Kapitel I - Kindheit

Kindheit


Dublin, Wiesbaden, Düsseldorf: die Kindheit einer Vierjährigen, die Violinvirtuosin werden will. Erste Geigenstunden gegen den Widerstand der Familie, Unterricht beim Komponisten Coleridge Taylor in Croydon — und ein Vormund, der die Aufnahme an der Royal Academy verhindert.

Ein kleines vierjähriges Mädchen wurde gefragt: „Was willst du werden?“ Es kam die prompte Antwort: „Violinvirtuose!“. Woher das Kind dieses Wort kannte, und was es sich dabei dachte - das weiß man nicht. Aber es war eine Prophezeiung.

Geboren am 24. Oktober 1880 in Dublin, Irland , der Vater aus englischem Landadel aber seine Mutter eine Fitzgerald aus irländischem Adel. Meine Mutter war ganz Irin, ihr Vater Hercules MacDonnell ein bekannter Mathematiker, ihr Großvater, Sir Richard MacDonnell , war Rektor der Universität in Dublin. Ihre Mutter war eine hochbegabte Sängerin, durfte aber nur in Wohltätigkeitskonzerten und am Hof der Königin Victoria singen, denn es galt nicht als fein, für Geld aufzutreten. Sie hatte eine hoch dramatische Koloraturstimme und wurde oft mit der damaligen großen Sängerin Trebelli-Bettini verglichen. Als ich drei Jahre alt war, verloren wir den Vater, und meine Mutter zog mit ihren sechs Kindern - einem Sohn und fünf Mädchen, von denen ich die zwei-jüngste war, nach Deutschland - weil ihr das Leben in Irland oder England zu konventionell und langweilig war. Zuerst ging es nach Wiesbaden. Ein großes Ereignis in meinem sechsten Jahr war, als mein Bruder Cecil Geigenstunden bekommen sollte. Ich ließ meiner Mutter keine Ruhe - ich wollte auch Geigenstunden haben - und endlich gab sie meinem stürmischen Drängen nach. Der Lehrer war gut, wenn auch kein besonderer Künstler. Nach einem Jahr erkannte er meine Begabung und bot meiner Mutter an, mich zu adoptieren, und mich als Geigerin auszubilden - aber davon wollte meine Mutter nichts wissen. Ich musste mich mit Fortschritten in sehr mäßigem Tempo begnügen.

Im Jahre 1888 übersiedelten wir nach Düsseldorf am Rhein , wo ich auch in die Schule ging. Geigenstunden bekam ich dort von einem Musikdirektor , der gewiss ein sehr tüchtiger und guter Mann war, aber vom Geigen nicht viel Verstand. Die Stunden freuten mich auch nicht recht, und es zog mich mehr zum Klavier, an dem ich stundenlang sitzen konnte, kleine Melodien erfand - und auch eine Begleitung dazu. Als Publikum hole ich mir die zwei Dienstboten, die es damals noch gab, und meine jüngere Schwester herein, die dann auch begeistert applaudierten. Meiner Mutter machte ich damals große Sorgen, lernte schlecht in der Schule, war sehr wild und ungezogen, und mein Temperament ließ sich sehr schwer zügeln. Einmal schlug ich die Gouvernante, weil sie meine jüngere Schwester Violet , die ich sehr liebte, geschlagen hatte, das war zu viel. Meine Mutter beschloss, mich in ein englisches Pensionat in Düsseldorf zu stecken, um Manieren zu lernen. Lichtblicke in meinem Leben zu der Zeit waren einige Konzerte, in die man mich mitnahm. Sie lösten ein Gefühl der Glückseligkeit in mir aus, verdoppelten aber mein Verlangen nach mehr und mehr Musik, dass sich auch nicht mehr unterdrücken ließ.

Unterdessen gingen die Stunden mit dem Musikdirektor auch im Pensionat weiter. Zu meinem 13. Geburtstag wünschte ich mir die Instrumentationslehre von Hector Berlioz und bekam sie auch. Als ich sie voll Stolz meinem Lehrer zeigte, fragte er mich erstaunt, was ich damit anfangen wolle. Auf meine Antwort: „Studieren!“ brach er in herzhaftes Gelächter aus, was mich sehr kränkte. Der Geigenunterricht bei ihm freute mich nicht sehr, und ich machte auch keine merkbaren Fortschritte. Eines Tages rebellierte ich, und sagte ihm; „Ich will nicht immer dieselben kleinen Stücke spielen, sie sind dumm und hässlich!“ worauf er in großem Zorn geriet, und mich anschrie: „Wenn du nicht das tun willst, was ich dir sage, dann kannst du die Geige einpacken und fortgehen!“ - was ich mir nicht zweimal sagen ließ. Ich bekam dann einen anderen Lehrer, der mich auch wirklich schneller vorwärtsbrachte. Ich hatte damals noch keinen großen Geigenspieler gehört, aber ein Ideal schwebte mir vor, und das wollte ich unbedingt erreichen. Aber bis dahin war noch ein langer und sehr weiter Weg.

Inzwischen war meine Mutter nach England, in einen kleinen Ort in der Provinz Surrey, gezogen. Mit 16 Jahren bat ich, mit einer Freundin nach Dresden fahren zu dürfen, um Musik zu studieren. Aber das wurde mir nicht bewilligt - zu meinem großen Leidwesen. Stattdessen musste ich in das kleine Nest in England, wo es keinerlei Anregung irgendwelcher Art gab. Als meine Mutter sah, wie unglücklich ich war, und krampfhaft versuchte, mich in der Musik allein weiterzubringen – auch in Harmonie und Kontrapunkt – erbarmte sie sich, und schickte mich einmal in der Woche in die benachbarte kleine Stadt Croydon in das dortige Musik-Konservatorium, was mich einigermaßen tröstete. Mein Erstaunen – um nicht zu sagen erschrecken – war nicht gering, als man mir meinen Lehrer vorstellte. Er war schwarz, Sohn eines afrikanischen Häuptlings, und nannte sich Coleridge Taylor , der umgekehrte Name des Dichters von „Haiawatha“ Taylor Coleridge . Er war kein besonders guter Geiger, aber ein sehr guter Komponist, und ich lernte in einem Jahr bei ihm mehr über Komposition als über Geigen. Meine Mutter meinte beruhigt, ich würde mich jedenfalls nicht in ihn verlieben. Aber es stellte sich heraus, dass er äußerst charmant und geistreich war, und ich hatte viele geistreiche und anregende Gespräche mit ihm. Er widmete mir auch eine afrikanische Suite für Violine und Klavier , was mich sehr freute. Er schlug vor, dass ich mich um ein Stipendium für Violine an der Royal Academy of Music in London bewerben sollte, er meinte, dass ich darauf rechnen könne. Aber da legte unser Vormund wieder sein Veto ein.

Aus „Mein Musikleben“ von Mary Dickenson-Auner, 3. Oktober 1963. Der Text folgt dem Manuskript; die Kapitelzählung stammt aus dem Original.