Vier Jahre an der Royal Academy of Music bei Émile Sauret. Neben der Geige Orgel, Harmonielehre und Kontrapunkt; Medaillen für Violinspiel und für absolutes Gehör. Statt Sauret nach Amerika zu folgen, entscheidet sie sich für Ševčík in Prag.
Mein Glück kannte keine Grenzen, als ich endlich 1899 in der berühmten Musikschule in London einzug. Ich wurde dem besten Geigenlehrer dort zugeteilt: Emile Sauret , ein Schüler Vieuxtemps und ein wirklich großer Künstler. Er gab zu, dass ich begabt war, aber meine Technik auf der Geige nicht genügend fundiert. So hatte ich denn vieles nachzuholen, und das tat ich mit viel Fleiß und Freude. Neben der Geige lernte ich auch weiter Orgel, Harmonie und Kontrapunkt, die mir nicht viel Mühe machten. Bei Sauret lernte ich einen geschmeidigen Bogen führen, aber die linke Hand machte mir immer noch zu schaffen. Ich wurde öfters ausgesucht, in den öffentlichen Konzerten der Anstalt aufzutreten, was mich auch sehr freute. Auch kleine Kompositionen, die ich nebenbei schrieb, kamen in den bescheidenen Programmen vor. Für mich war das Orgelspielen ein besonderer Genuss, ich hatte auch noch das Glück, eine schöne Orgel in einer großen Kirche in meiner nächsten Nähe zum Üben zu bekommen. Ich sollte fleißig für meine Geigenstunden üben, aber wenn ich einmal an der Orgel saß, vergaß ich die ganze Welt um mich - und auch meine Übungen, es gab mir auch meine eigene Musik. Als es nach ein paar Jahren zu Orgelprüfung kam, sah mein Lehrer schwarz, und prophezeite nichts Gutes. Besonders, da das vorgeschriebene die d-moll Toccata von Bach war, und die Juroren sehr streng. Von sechs Schülern kamen nur zwei durch, und eine davon war zum Glück ich. Wenn ich mich recht erinnere, so trug mich meine Begeisterung für das herrliche Stück über alle Hürden hinweg. Nach vierjährigem Studium hatte ich eine bronzene und eine silberne Medaille für Violin- Spiel, sowie ein großes Zertifikat, womit mein Studium eigentlich abgeschlossen war. Auf eine weitere Bronze-Medaille für vom Blatt singen und absolutes Gehör war ich besonders stolz, weil sie nicht leicht zu erringen war. Dann bekam Emile Sauret ein glänzendes Angebot, in der U.S.A. zu unterrichten, das er auch annahm. Er wollte seine beste Schülerin, Marjorie Hayward , die mit 13 Jahren schon eine fertige Künstlerin war, mitnehmen, und merkwürdigerweise, auch mich. Aber wir fühlten, dass er uns nicht mehr viel geben konnte, und wir beschlossen nun zu Prof. Ševčík nach Prag zu gehen, um sich noch mehr Technik, die sie nicht brauchte, und ich um mehr linke Hand Technik, die ich wohl brauchte, zu holen. So waren die wirklich schönen Jahre in London zu Ende, ich nahm den Kampf mit dem Vormund von neuem auf, und nach Überwindung des Widerstandes hieß es: auf nach Prag! Unterwegs hielt ich mich in Düsseldorf auf, wo ich alte Bekannte aufsuchte und von dem Dirigenten des dortigen Sinfonieorchesters, Reibold, aufgefordert wurde, in einem der Sinfoniekonzerte aufzutreten. Ich spielte das g-moll Konzert von Max Bruch , fand viel Beifall - und nicht nur das: in einem der nächsten Konzerte wurde eine Komposition von mir gespielt: Ouvertüre zu „Der entfesselte Prometheus“ (!) Shelley ‘s Dichtung hat auf mich einen so starken Eindruck gemacht, dass ich mich mit jugendlichem Mut – oder sagen wir lieber Frechheit – hineinstürzte. Ich bin sicher, dass es kein reifes Werk war, es ist mir auch nichts davon geblieben, auch nicht die Noten, nur das Programm. Dann ging die Reise weiter nach Prag .
Aus „Mein Musikleben“ von Mary Dickenson-Auner, 3. Oktober 1963. Der Text folgt dem Manuskript; die Kapitelzählung stammt aus dem Original.