Auner Quartett

Mein Musikleben · Kapitel 5 von 14

Kapitel V - Berlin

Berlin


Drei glückliche Jahre: Debüt bei den Berliner Philharmonikern, Unterricht bei sich zu Hause, Begegnungen mit Max Bruch und Paul Juon. Der Kauf einer Stradivari, das unter dem Männernamen Frank Dornell aufgeführte eigene Violinkonzert und der Brief Grädeners nach dem Wiener Auftritt.

In Berlin mieten wir eine nette kleine Wohnung in Friedenau . Damals wusste ich noch nicht, dass Prof. Max Bruch ganz in der Nähe wohnte, das sollte später eine schöne Quelle der Anregung werden.

Im März 1906 kam dann mein erstes großes Konzert mit der Berliner Philharmonie . Das Programm war das selten gespielte d-moll Konzert von Max Bruch , eine ganz unbekannte Ballade von Dvořák , die Begleitung von mir selbst instrumentiert, und das h-moll Konzert von Saint-Saens . Das Spiel mit Orchesterbegleitung machte mir sehr große Freude, und ich kannte keine Angst. Auch der schöne Saal der Singakademie trug zu meiner Begeisterung bei. Die Kritiken waren durchweg sehr wohlwollend, was mich eigentlich wunderte, denn die Berliner Kritiker galten als die strengsten.

Das führte dann zu weiteren Konzerten, und auch zu Schülern. Am Unterrichten fand ich viel Genugtuung, er stellte sich heraus, dass ich dafür eine besondere Begabung hatte. Es sprach sich herum, und ich bekam eine ganze Anzahl ausländischer Schülerinnen, sogar aus Chile zwei, und ich erhielt 20 Mark für die Stunde, was damals sehr viel war. So fühlte sich der Berliner Aufenthalt sehr schön an, ich genieße das Leben dort, die vielen guten Konzerte, viele gute Freunde sind bedeutende Menschen.

Bald lernte ich den von mir sehr verehrten Professor Max Bruch kennen, wurde zu seinen „ Sonntag Nachmittagen “ eingeladen, und hatte die große Ehre, ihm sein d -moll Konzert und die schottische Fantasie vorzuspielen, und, wie es schien, zu seiner Zufriedenheit.

In dieser Zeit lernte ich auch Paul Juon kennen, der bekannte Komponist des Trios „ Gösta Berling “ , und ein geistvoller und gültiger Mensch. Er interessierte sich für meine Kompositionen – es waren nicht viele damals – und gab mir viele gute Winke – die ich vorläufig in meinem Herzen aufbewahrte.

Inzwischen arbeitete und feilte ich fleißig am Violinspiel, dass mir noch lange nicht gut genug schienen. Je mehr ich lernte, desto dringender schien es mir, ein wirklich gutes Instrument zu bekommen. Ich schrieb einen fehlenden Brief an den bösen Vormund, ob es nicht möglich wäre, etwas Geld dazu aus dem Nachlass meines Vaters zu bekommen, und siehe da, es ging. Es hat sich die Gelegenheit ergeben eine echte Stradivarius Geige für 18.000 DM zu bekommen, und zwar die so genannte Soames Geige, aus dem Soames Nachlass, eine Amatisé , aber klein, was für meine nicht große Hand gut war. Ich bekam das Geld, griff zu, und wurde dir glückliche Besitzerin einer Stradivarius.

Von Berlin aus unternahm ich Konzert Reisen in die verschiedenen großen Städte Deutschlands : München, Leipzig, Dresden, Nürnberg, Köln, Hamburg, Bremen und andere. Besonders gern und oft spielte ich in Nürnberg , wo ich den Dirigenten Wilhelm Bruch kennen und schätzen lernte, und konzertierte auch in London und in Dublin .

In dieser Zeit tauchte mein Kollege aus Prag, Willy Lang in Berlin auf. Er animierte mich, ein Violinkonzert für ihn zu komponieren, und das tat ich sehr gerne. Es ging mir schnell von der Hand, so dass es rechtzeitig fertig war für sein eigenes Konzert mit den Philharmonikern . Er hatte sich einen jungen Holländer als Dirigent ausgesucht, der natürlich mehr für das Violinkonzert von Brahms , dass im selben Programm stand, interessierte. Da gab es ein paar stürmische Proben, ich wollte mir nicht alles gefallen lassen, aber schließlich einigten wir uns und es waren allen zufrieden. Ich wollte nicht meinen eigenen Namen auf das Programm geben, denn damals waren die Vorurteile gegen Kompositionen von Frauen noch viel größer als heutzutage. So versteckte ich mich hinter dem Namen Frank Dornell . Das brachte mir recht gute Kritiken, die ich sonst sicher nicht bekommen hätte. Aber später gab ich das Pseudonym auf, weil es mir feige vorkam, mich hinter den Männern zu verstecken.

So vergingen drei sehr angenehme, glückliche Jahre in Berlin . Da kam eines Tages ein Brief von Oskar Nedbal aus Wien , mich einladend in einem Sonntagmorgen - Konzert des Tonkünstler Orchester , dessen Dirigent er war, als Solistin mitzuwirken. Ich sagte gerne zu, wählte das d-moll Konzert von Max Bruch , und schickte wie gewünscht das Orchestermaterial rechtzeitig nach Wien . Als ich dann zwei Wochen später, einen Tag vor der Probe, dort ankam, waren keine Noten da. Große Aufregung allerseits. Nedbal hatte schließlich die gute Idee, beim Zollamt anzufragen und – richtig, lagen die Noten geruhsam dort. Es wurde sofort ein Diener hingeschickt, aber es war schon zu spät für die angesetzte Probe, die dann am Sonntagmorgen vor dem Konzert und hinter dem eisernen Vorhang stattfinden musste. Ich habe immer gefunden, je mehr Schwierigkeiten zu überwinden waren, desto höher stieg die Leistung. Und so gab ich dieses Mal mein Bestes. Ich fand das Publikum äußerst warm und mitgehend, bekam einen nie enden wollenden Applaus und musste drei Zugaben geben. Nedbal war sehr zufrieden und stolz. Ich höre heute noch sein:“ Habe ich es dir nicht gesagt?“

Ich kann mich nicht erinnern, Kritiken darüber in den Zeitungen gelesen zu haben, wahrscheinlich weil ich gleich nach Berlin zurückgefahren bin. Aber nach einiger Zeit bekam ich günstige Angebote von Konzertagenturen aus Wien. Vor allem bekam ich etwas, dass mich wirklich froh und stolz machte, und dass mir die schönste Kritik schien, die ich jemals bekommen hatte: einen Brief von Professor Grädener an Professor Rauch , beide an der Musikakademie in Wien . Professor Rauch schickte den Brief an Max Bruch, der so freundlich war, ihn an mich zu schicken. Er lautet:

Wien, 19.01.1909

Werter Herr Kollege,

Zu meiner Freude kann ich Ihnen mitteilen, dass ich am verflossenen Sonntag im Konzert des Wien Tonkünstlerorchesters unter Oskar Nedbal‘s Leitung das wunderschöne Violinkonzert von Max Bruch in d-moll in einer so außerordentlich musikalisch schönen und seelisch tiefen Weise spielen hörte, dass ich ganz ergriffen, und durch die große Wiedergabe ganz gepachtet war. Die Wirkung war so groß, dass ich sie noch heute nachempfinde, und in der herrlichen Komposition, die mir diesmal so recht verständlich gemacht wurde, fortlebe. Fräulein Mary Dickenson (dies der Name der vorzüglichen, hochbegabten Interpretin) scheint somit als ganz besondere Erscheinung und kann einem das Herz im Leibe erbeben machen.

Ich wollte Ihnen dies nur erzählen, weil ich weiß, dass sie an derartigen Dingen stets Freude haben, und sie mit künstlerisch warmem Interesse verfolgen. Einstweilen grüßt sie freundlichst Ihr verehrungsvoll ergebener

H. Grädener

Daraufhin schien es mir, dass alle meine Arbeit und Mühe für die Geige nicht umsonst gewesen sei. Es kam mir aber nicht in den Sinn, trotz der Lockungen der Konzertagenturen in Wien , Berlin zu verlassen. Es ging uns viel zu gut, und ich fühlte mich glücklich und zufrieden.

Da meldete sich meine Mutter. Bis dahin hatte sie bei meiner Schwester Violet, die mit einem deutschen Offizier verheiratet war, in Kassel gelebt. Dort war sie aber nicht sehr glücklich, äußerte den Wunsch, zu mir zu ziehen, aber nur, wenn ich ganz nach Wien übersiedelte. Nach einigem Zögern entschloss ich mich, hauptsächlich aus diesem Grund dazu. So ging mein dreijähriges schönes Leben in Berlin zu Ende. Die Möbel wurden eingepackt und nach Wien geschickt. Dort fanden wir eine schöne Wohnung in der damaligen Valeriestraße , jetzt Böcklingstraße am Rande des Praters , und meine Mutter war sehr froh, dass sie in Wien und bei mir und meiner lieben Freundin Marie Stika sein konnte.

Aus „Mein Musikleben“ von Mary Dickenson-Auner, 3. Oktober 1963. Der Text folgt dem Manuskript; die Kapitelzählung stammt aus dem Original.