Der Umzug nach Wien der Mutter zuliebe, Konzertreisen bis Czernowitz, das lang gemiedene Beethoven-Konzert, ein Apparat zur Dehnung der Finger und die Begegnung mit Michael Auner im Musikverein. Hochzeit 1912, dann der große Abend in der Londoner Queen's Hall.
Mit mir kam auch eine Gruppe von Schülerinnen aus Berlin , alle sehr vergnügt über die Veränderung, und fest entschlossen, alle Herrlichkeiten Wiens in vollen Zügen zu genießen. Unsere Wohnung glich auch bald einem Taubenschlag, sehr zur Freude meiner Mutter, die, als echte Irländerin , ein lustiges Leben schätzte, und wenn sie auch zu alt war (fast 70 Jahre) und nicht fähig mitzuhalten an dem geselligen Treiben, so fühlte sie doch Vergnügen am Zusehen. Wir waren bald eingewöhnt, und es ging jetzt ans Konzertieren. Die großen Versprechungen der Agenten waren etwas zögernd im Anrollen, ich musste mich hier von neuem bewähren, und fand es nicht so leicht wie in Berlin, trotz des guten Auftaktes. Es wurde mir gesagt, ich müsse die Kritiker besuchen, aber dazu konnte ich mich nie und nimmer entschließen. Ich fand die Österreicher sehr liebenswürdig, aber doch komplizierter als die einfachen Norddeutschen , und dann war ich ja auch in Deutschland aufgewachsen. Schließlich kam ich doch viel herum, bis an die äußersten Grenzen Österreich und ich habe wirklich schöne Erinnerungen an Konzerte in Premyol, Cernowitz – wo ich zu meinem großen Erstaunen viel Verständnis und begeisterten Applaus für die Chaconne von Bach fand– und anderen kleinen Städten. Auch Graz und Salzburg kamen dazu, und in Pressburg ein Hofkonzert mit anschließendem Ball, was mich besonders freute, da ich leidenschaftlich gern tanzte. Der große Musikvereinssaal , in dem ich mehrmals spielte, sollte für mich schicksalhaft werden, denn dort lernte ich meinen späteren Mann, Doktor Michael Auner kennen. Große Befriedigung brachte mir einen Schülerinnen Konzert im hübschen Gremium Saal der Kaufmannschaft . Auf dem Programm stand neben dem Violinkonzert von Brahms auch das Konzertstück von Saint-Säens und ein Terzett von Dvorak. Die Schülerinnen waren sehr begabt und alle hielten sich gut. In all diesen Jahren hatte ich tüchtig am Violinkonzert von Beethoven geübt und gefeilt, aber immer noch schien es mir nicht reif für die Öffentlichkeit, denn es stellt die höchsten Anforderungen an die Reinheit und Sicherheit des Spielers. Erst 1910 wagte ich den Sprung. Auf einer Reise nach Siebenbürgen , der Heimat von Doktor Michael Auner, als das Kronstädter Orchester mich als Solistin engagierte, spielte ich das geliebte Konzert. Es brachte mir einen vollen Erfolg, und von da an kam es möglichst oft auf mein Programm. Im Frühjahr 1912 hörte ich von dem Russen Ostrovski , der eine eigenartige kleine Maschine erfunden hatte, um die Finger zu strecken, dass die Finger lockerte und eine größere Streckweite gab. Es erweckte daher Interesse bei mir, und ich scheute nicht die Mühe, nach London zu fahren, um ihn und seine Maschine kennenzulernen. Ich habe es nie bedauert, denn er war ebenso interessant wie seine Erfindung, und durch den Gebrauch habe ich außerordentlich deutlich profitiert. Streckungen, die für meine ziemlich kleine Hand schwierig waren, wie zum Beispiel manche in den Etüden von Paganini konnte ich nach der Behandlung gleich bewältigen. Ostrovski soll angeblich der eigentliche Lehrer Mischa Elman ’s gewesen sein, was ich gerne glaube. Nach drei Monaten in London fuhr ich noch zu einem Konzert nach Dublin das im Theatre Royal stattfand und sehr gut besucht war, auch hoher Besuch, der damalige Vizekönig von Irland, der sich sehr interessiert zeigte. Mein Klavierbegleiter war mein Jugendfreund Herbert Hamilton Harty, ich hatte meine Glanznummer, die Symphonie Espagnole gespielt und am Schluss wurde auch ein großer Korb mit herrlich gelben Blumen hinauf gereicht. Mitten in den Blumen saß zu meinem großen Vergnügen ein ganz kleines schwarzes Kätzchen – einige irländische Schülerinnen wussten, dass ich eine große Katzenliebhaberin war. Ich kann aber auch heute nicht verstehen, dass das Kätzchen so lieb und ruhig in den Blumen sitzen blieb mit all dem Trubel ringsherum. Jedenfalls war ich verblüfft und erfreut, und das Publikum lachte und freute sich mit mir. Von Dublin ging es wieder zurück nach Wien . Dezember 1912 wurde Hochzeit gefeiert. Da ich viele Freunde hatte, wurde es eine ziemlich große Angelegenheit. Die Trauung fand in der Dorotheergasse statt, neun Schülerinnen waren Brautjungfern, ein englischer Konsul Kranzelherr, und meine beste Schülerin, Bessie Taylor spielte den langsamen Satz von Beethoven Violinkonzert mit Orgel. Mein Brautschleier war 7 Meter echte irische Spitze, ein Hochzeitsgeschenk vom Vater meiner Schülerin Violet Jameson der einen Bruder des Whiskykönigs James Jameson war. Schön war auch, dass der Vater meines Mannes, ein protestantischer Pfarrer in Siebenbürgen, nach Wien kam und die Trauung vollzog, er war eine imposante Erscheinung in seinem pelzverbräunten Ornat. Nach einem großen Empfang zu Hause fuhren wir gleich nachts per Zug nach Hermannstadt in Siebenbürgen , wo mein Mann seinen Posten als Archivar im Brückenthal Museum antreten musste. Unsere eigentliche Hochzeitsreise kam erst nach zwei Monaten, und zwar ging es nach London , wo ich mein größtes Konzert, in der prachtvollen Queen‘s Hall , veranstaltet am 13. Februar 1913 (13 war immer meine Glückszahl). Ich hatte mir ein außerordentliches Programm vorgenommen: das Violinkonzert von Beethoven , die schottische Fantasie von Max Bruch , zwei kleine Stücke von mir und das Rondo Capriccioso von Saint-Saens . Dirigent war mein Freund Sir Herbert Hamilton Harty. Der Applaus war sehr groß und ich musste mehrere Zugaben spielen. Die Kritiken waren auch sehr günstig. Ich konnte diesen schönen Erfolg nicht ausnutzen, der Krieg kam bald und zerstörte alle Hoffnungen. In London hatte ich die Möglichkeit meine Stradivari einer amerikanischen Schülerin mit einer sehr kleinen Hand günstig zu verkaufen. Für meine, vom Ostrovski-Apparat ausgedehnte Hand, war sie schon zu klein. Wir schlossen einen Vertrag ab, der mir eine größere Anzahlung gab, und das weitere sollte ich in Raten bekommen. Aber der Krieg machte auch das zunichte, und ich bekam den Rest erst nach vielen Jahren. Nun drängte die Zeit, der Urlaub meines Mannes war zu Ende, und wir mussten in aller Eile zurück nach Hermannstadt .
Aus „Mein Musikleben“ von Mary Dickenson-Auner, 3. Oktober 1963. Der Text folgt dem Manuskript; die Kapitelzählung stammt aus dem Original.